Wie dramatisch ist die Lage bei VW und in der Autoindustrie wirklich? Darüber habe ich nach der Aktionärsversammlung mit Kolleginnen und Kollegen in Wolfsburg diskutiert.
Alle scheinen sich einig zu sein: Die Aktionäre, das Management, die Landesregierung und auch der Betriebsrat sprechen sich dafür aus, dass bei Volkswagen künftig auch für den Krieg produziert wird.
Die Braunschweiger Zeitung zitiert den Ministerpräsidenten mit der Aussage: „Rüstung als Chance für Osnabrück – aber nicht ohne Volkswagen“ (BZ; 18.6.2026). Die FAZ berichtete schon vor über einem Jahr, die „Porsche-Holding will in Rüstung investieren“ (FAZ, 26.3.2025) und andere wussten zu berichten: „VW Betriebsrat sieht Rüstung als attraktiv an“ (Managermagazin, 6.3.2026). Zu diesem Zweck wurde eigens ein neuer Bereich, nämlich das Group Defense Office, geschaffen. Nur einige Spielverderber aus der Belegschaft wollen da nicht mitmachen, wollen nicht für den Tod arbeiten und haben eine entsprechende Petition gestartet.1

Isch over. Die fetten Jahre sind vorbei!
„Unser über Jahrzehnte erfolgreiches Geschäftsmode funktioniert nicht mehr. Wir reduzieren die Überkapazitäten um drei Millionen Einheiten und haben sechs Werke geschlossen bzw. die Produktion eingestellt: in Dresden, in Brüssel, demnächst in Osnabrück und drei Werke in China“ erklärt der oberste Manager Oliver Blume. Das Drama ist nur, dass dem Management kein neues Geschäftsmodell einfällt, außer in die Rüstungsproduktion einzusteigen. Das ist auch die Forderung der Familien Porsche und Piëch. Alle Vorschläge auf zivile und ökologische Alternativen, ob von außen oder von innen vorgetragen, werden brüsk zurückgewiesen.
Dass dem Aufsichtsrat am Vorabend die Rüstungsexpertin Susanne Wiegand abgesprungen ist, hängt wohl mit Unstimmigkeiten über die Geschwindigkeit beim Umbau zum Rüstungskonzern zusammen; unabhängig davon, dass Blume das Unternehmen in „Verantwortung für die Verteidigungsfähigkeit“ sieht und nach den Möglichkeiten des Konzerns daran mitwirken, sprich: ordentlich verdienen, will. Vorstandschef Blume hat sich angesichts der Zukunft von Volkswagen-Standorten in Deutschland offen für einen möglichen Einstieg in die Rüstungsproduktion gezeigt. „Wir schauen uns sehr gezielt an, was dort an Notwendigkeiten ist, wenn es dann beispielsweise auch um Militärfahrzeuge gehen sollte. Da muss man das prüfen“ (ZDF, 11.3.2026).

Wie in meinem Vorbericht zur Aktionärsversammlung bereits erwähnt, beträgt im Jahr 2025 der Umsatz 322 Milliarden Euro, der Gewinn nach Steuern 7,5 Milliarden Euro. Als größter Anteilseigner fließen den Familien Porsche und Piëch etwas eine Milliarde Euro an Dividenden zu. 27 Milliarden Euro wurden in die Gewinnrücklage geschoben, die so auf über 160 Milliarden Euro angewachsen ist. Stolz berichtet Blume den Aktionären, dass die „Fabrikkosten“ in Deutschland seit Abschluss des Tarifvertrages im Dezember 2024 um 20 Prozent gesunken sind. Den Arbeiterinnen und Arbeitern erklärt er bei der Betriebsversammlung einige Tage vorher noch, dass die Sparziele längst nicht erreicht wären. Der Hintergrund dieses scheinbaren Widerspruches: Trotz rückläufigem Markt will das Management den Gewinn bis 2027 verdoppeln und bis 2030 vervierfachen: „ Unsere Ambition für 2030: eine operative Umsatzrendite von 8 bis 10 Prozent.“ Aber solche Widersprüche ziehen sich durch die gesamte Aktionärsversammlung: „Mit unseren Produkten sind wir stabil ins Jahr gestartet – in einem global stark rückläufigen Markt. Wir können nicht davon ausgehen, dass frühere Absatz- und Preisniveaus in den Märkten zurückkommen. Und erst recht nicht, dass die Märkte wieder wachsen“ sagt Blume; und gleich danach in unvollständigen Sätzen: „ Klare Analyse, systematische Arbeit und strikte Disziplin. Bei den Kosten und bei den Investitionen. Nur so schaffen wir uns den Spielraum, den wir brauchen. Für notwendige Zukunftsinvestitionen. Und für Wachstum.“2 Meine Erkenntnis aus der Aktionärsversammlung: Die finanzielle Lage des Konzerns ist (noch) so gut, dass eine sozial-ökologische Transformation angegangen werden und ein Turnaround gelingen könnte.
Sehr gut und konstruktiv bei der Aktionärsversammlung der Beitrag von Annika Fuchs von Robin Wood zu Alternativen für das Werk in Osnabrück, ebenso Markus Dufner, Tobi Rosswog und anderen. Die Rede von Anni Fuchs ist bei Robin Wood nachzulesen3.
Landzerstörung durch Lithiumabbau in Tansania
Berührend der Beitrag von Sokoita Sirom aus Tansania, die den Lithium-Abbau durch Volkswagen im Land der Massai beklagt und ihr Unverständnis darüber äußert, dass der Vorstand von Volkswagen nicht bereit ist zu einem Gespräch mit der indigenen Bevölkerung. Dank ist den „Kritischen Aktionären“ zu sagen, dass sie das ermöglicht haben.

Dieser Rassismus ist schlechte Tradition bei Volkswagen – von den faschistische Wurzeln über die Unterstützung des Apartheidsystems in Südafrika, der Militärjunta in Brasilien und die Überheblichkeit gegenüber den chinesischen Partnern.
Isabella Weber schreibt aus ihrer Erfahrung dazu u.a.: „Da ich in den 2010er Jahren einige Zeit in China verbracht habe, muss ich unweigerlich an die Arroganz und, ehrlich gesagt, den Rassismus deutscher Geschäftsleute im Ausland denken. Chinesische Ingenieure mit Ivy-League-Abschlüssen, die fließend Englisch und Deutsch sprachen, wurden von deutschen Ingenieuren mit einem Abschluss irgendeiner deutschen Universität, dürftigen Englischkenntnissen und kaum zwei Sätzen Chinesisch verachtet. Ein Brancheninsider erzählte mir damals, wie sehr chinesische Unternehmer an einer Zusammenarbeit mit deutschen Automobilherstellern bei der Entwicklung von Elektrofahrzeugen interessiert waren. Doch die Deutschen fürchteten lediglich, dass sie unser geistiges Eigentum stehlen würden. Die Deutschen hatten das nicht kommen sehen, weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass Chinesen in ihrem Bereich besser werden könnten als sie selbst.“ (Danke an Timo Daum für den Hinweis dieses Zitat.4)
Nein zum Umbau auf Kriegswirtschaft!
Lebhaft haben wir bei der Veranstaltung in Wolfsburg über die Initiative diskutiert „Nein zum Umbau auf Kriegswirtschaft“. Allen ist klar, dass Rüstungsproduktion kein Ausweg aus der Krise ist. Was passiert, wenn bald, in ein paar Jahren, die Munitionsdepots voll sind?
Für Rüstung ist Geld ohne Ende da – whatever it takes.
Aber wer zahlt? Die Rechnungen sind schon geschrieben: weniger Geld für Bildung, Soziales und Gesundheit, längere Arbeitstage und längeres Arbeitsleben, dafür weniger Lohn und weniger Rente, mehr Armut und mehr Milliardäre. Und wer arm ist, stirbt früher. Die sozialen Ängste, die Existenzängste vieler Kolleginnen und Kollegen sind zum greifen. Der Preis der Rüstung ist hoch und tötet – auch schon vor dem Krieg – dieser Zusammenhang wird immer deutlicher und sichtbarer.
Demokratie endet nicht am Werkstor!
Alles zu besichtigen beim „Weihnachtswunder“, beim VW-Tarifabschluss vom Dezember 2024: Personalabbau von 35.000, Arbeitszeitverlängerung, Lohnsenkung und drastische Reduzierung der Ausbildungsplätze. Die Personalkosten sind nicht ursächlich für die Krise, deshalb sind die Senkung der Löhne und die Verlängerung der Arbeitszeit auch kein Weg aus der Krise.
Das alles ist übrigens kein Managementversagen, sondern das dem Kapitalismus eingeschriebene Prinzip von Konkurrenz und dem Streben nach Maximalprofit. Gäbe es auch nur Ansätze einer klugen Industriepolitik, würde die Ausbildung bei den Schienenfahrzeugherstellern jetzt mindestens in dem Umfang hochgefahren, wie er in der Autoindustrie abgebaut wird. Leider haben wir keine Regierung, die strategische Industriepolitik betreibt.
Wir haben seitens der Rosa-Luxemburg-Stiftung, des Gesprächskreises „Zukunft Auto Umwelt Mobilität“ einen sehr realistischen, umsetzbaren Vorschlag für das Werk in Osnabrück entwickelt5 – aber weder das Management von VW noch die IG Metall beschäftigt sich ernsthaft mit diesem Vorschlag, auch nicht die SPD -/Grüne-Landesregierung mit ihrer 20%-Beteiligung – trotz Gespräch mit der IG Metall in Osnabrück und Information für Olaf Lies (Ministerpräsident) und Julia Willie Hamburg (Kultusministerin) als Aufsichtsratsmitglieder. Olaf Lies will Volkswagen ausdrücklich dabei haben, wenn zum Beispiel in Osnabrück künftig für den Krieg produziert wird. Die Porsches und die Piëchs wird es freuen. Deshalb die Initiative von Kolleginnen und Kollegen „Nein zum Umbau auf Kriegswirtschaft“. Fünfzehn der anwesenden Kolleginnen und Kollegen haben den Aufruf spontan unterschrieben, viele hatten schon vorher unterschrieben.
Diese Initiative ist der sehr berechtigte Anspruch von Arbeiterinnen und Arbeitern, an den Entscheidungen, die uns alle betreffen, beteiligt zu werden. Demokratie darf nicht am Werkstor enden!
1https://www.openpetition.de/petition/online/nein-zum-umbau-auf-kriegswirtschaft
2https://uploads.vw-mms.de/system/production/files/cws/042/328/file/a864a47e00ea7daed2e26d8702b8d1a261fe5ab3/de-Rede_HV26.pdf?1781606671
3https://www.robinwood.de/blog/vw-hauptversammlung
4https://x.com/IsabellaMWeber/status/2057103045268222403
5https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/volkswagen-in-osnabrueck-vor-grundsatzentscheidung-panzer-oder-kleinbus und erste Studienergebnisse: https://www.robinwood.de/blog/vw-standort-erste-studienergebnisse-vorgestellt
