Volkswagen auf dem Weg zur Rüstungsschmiede

Vorbericht zur Aktionärsversammlung am 18. Juni 2026

Der Aktienkurs im Keller, die Werke dramatisch unterausgelastet, der Absatz in China weggebrochen, in der USA abgestürzt und in Europa knapp gehalten. Aber: 322 Milliarden Euro Umsatz, mehr als 27 Milliarden Euro in die Gewinnrücklage gesteckt, 7,5 Milliarden Euro Gewinn nach Steuern ausgewiesen, 5,20 Euro Dividende pro Aktie, rund eine Milliarde Euro für die Familien Porsche und Piëch. Der Vorstandsvorsitzende Blume kassiert 7,5 Millionen Euro, selbst der geschasste Personalvorstand Kilian bekommt noch 2,1 Millionen und der gesamte Vorstand zusammen über 40 Millionen Euro.

Bei Dividenden für die Porsches und Piëchs, bei den Gehältern für die Manager kann von Krise keine Rede sein. Ganz anders bei den Arbeiter*innen und Kommunen, die um Jobs und um die Standorte fürchten, die mit Arbeitszeitverlängerung, vorenthaltenem Lohn und geringerem Steueraufkommen in den Kommunen für den Reichtum der Eigentümer aufkommen.

Das Management von Volkswagen versucht, die den Haupteigentümern zu geringe Rendite bei den Autos mit der „Transformation“ hin zur Rüstungsproduktion massiv zu steigern – wenngleich die düstere Geschichte des Unternehmens das eigentlich verbietet. Und ob das der Satzung des Unternehmens entspricht, wird noch zu klären sein: „Gegenstand des Unternehmens ist die Herstellung und der Vertrieb von Fahrzeugen und Motoren aller Art, deren Zubehör sowie aller Anlagen, Maschinen, Werkzeuge und sonstigen technischen Erzeugnisse1.“ Tagesordnungspunkt 5 der nur virtuellen VW-Aktionärsversammlung am 18. Juni lautet: Wahl von Mitgliedern des Aufsichtsrats; der Aufsichtsrat schlägt sich selbst zur Wiederwahl vor: Hans Dieter Pötsch und Susanne Wiegand.

Wer ist Susanne Wiegand?

Vor einem Jahr, im Sommer 2025, musste Marianne Heiß ihren Platz im VW-Aufsichtsrat räumen. Stattdessen wurde Susanne Wiegand als Militärexpertin und Investorin in den Aufsichtsrat berufen2. Weit mehr als symbolischer Wechsel, hatten die Familien Porsche und Piëch doch vorher erklärt, mehr in die Rüstung zu investieren. Die vorherigen Stationen von Susanne Wiegand waren die Firma Renk, eine vormalige Volkswagentochter. Das Augsburger Unternehmen ist Weltmarktführer bei Panzergetrieben. Rheinmetall und ThyssenKrupp Marine Systems waren weitere Stationen. „Aufgrund ihrer vielfältigen Rollen und langjährigen Erfahrung in der Verteidigungsindustrie verfügt Frau Wiegand darüber hinaus über umfangreiche Kenntnisse und Erfahrungen auf den Gebieten Risikomanagement, Compliance und Exportkontrolle“ – so die Ankündigung zur Aktionärsversammlung der Volkswagen AG. Vor ihrer Berufung in den VW-Aufsichtsrat ist sie „mit einem Einblick in das Innerste der Verteidigungsindustrrie“ Gast bei BILD-Chefreporter Ronzheimer zu der Sendung „Hätte die Bundeswehr gegen Russland eine Chance“: „Wir brauchen mehr Munition aller Art und wir brauchen mehr Heer. Alles, was wir gemacht haben, war to late and to little. Es hat politischer Mut gefehlt. Nach der guten Rede zur Zeitenwende wurde das Momentum wieder aufgegeben. Die Ausrede, wir hätten kein Geld, ist jetzt weg. Die Industrie muss sich transformieren und aufgefordert werden, das Dreifache, egal ob Panzer oder Munition, in der halben Zeit zu liefern. Mit geht nicht in den Kopf, warum Russland fünf Jahre warten sollte, bis wir hier was getan haben. Deutschland natürlich als zweitgrößtes Geberland in der NATO und als größte Volkswirtschaft in Europa eine ganz wesentliche Rolle und die ist vor allem am Boden. Wir haben schlichtweg von allem etwas zu wenig. … dass Russland natürlich auch im Kontext steht mit anderen Autokraten, die unsere Demokratie aktiv angreifen und ihren Momentum darin sehen, wieder Stichwort China, äh Nordkorea und andere. Dann bitte jetzt beherzt in das System reingreifen und sich auch beraten lassen von den Menschen, die verstehen, wie Industrie funktioniert. So und jetzt haben wir theoretisch endlos Geld für Verteidigung .3“ Vorteilhafter Weise ist diese Frau Wiegand auch Mitglied der Deutschen Gesellschaft für auswärtige Politik.

Group Defense Office

In Wolfsburg selbst hat Volkswagen zur gleichen Zeit, im Sommer 2025 eine neue Einheit aufgebaut, das „Group Defense Office“. „Dass diese Funktion konzernintern inzwischen institutionell verankert ist, belegen unter anderem eine Handelsblatt-Konferenzseite, auf der Antoin Abou-Haydar als Head of Group Defense Office geführt wird, sowie Berichte der Wirtschaftswoche, wonach Volkswagen systematisch prüft, wo Produktions-Know-how des Konzerns für den Verteidigungssektor nutzbar werden könnte. Abou-Haydar hat vorher für Audi und Tesla gearbeitet. Volkswagen begibt sich damit nicht an ein Randthema, sondern an den Trog der unbegrenzten Rüstungsmilliarden: „Whatever it takes“, was immer nötig ist – so Friedrich Merz. Agenturen berichteten, Volkswagen prüfe gemeinsam mit dem israelischen Rüstungskonzern Rafael Advanced Defence Systems eine Umnutzung des Werks Osnabrück für Komponenten des Luftverteidigungssystems Iron Dome. Zugleich habe Volkswagen klargemacht, dass der Konzern keine Waffenproduktion anstrebe (IndustrieMagazin, 7.4.2026). Die Israelis würden dort Teile für das Flugabwehrsystem Iron Dome herstellen lassen wollen, hieß es. Mit dem Prozess vertraute Personen bestätigten eine schriftliche Vereinbarung: Bis Ende des Jahres soll ein Joint Venture von Rafael und VW gegründet werden. Es gehe um die gemeinsame Produktion „vom Unterbau bis zur Fahrzeugkomponente für Fahrzeuge, die Kampftechnik transportieren können“, heißt es aus dem Umkreis der laufenden Verhandlungen4. Das ist für Volkswagen insofern nichts neues, als die VW-Tochter MAN seit vielen Jahren gemeinsam mit Rheinmetall (Rheinmetall MAN Military Vehicles RMMV) in Kassel und Wien Fahrzeuge für die Armeen und Warlords rund um den Erdball produziert, ebenso für Spezialeinheiten den Radpanzer Survivor, der „Personen geschützt durch unwegsames Gelände und Barrikaden transportieren kann“.

Wer mit Rüstungsproduktion Arbeitsplätze und – wie in Osnabrück – Standortsicherheit verspricht, versucht auf übelste Weise, die Existenzängste der Belegschaften in der Autoindustrie auszunutzen. Aufrüstung sichert nicht den Frieden, sondern bereitet Kriege vor. Aufrüstung ist selbst ökonomisch nur nachhaltig, wenn durch einen Krieg ständig Nachschub gefordert wird. Wenn die Regierung den Spannungsfall ausruft, wird das Streikrecht beschnitten, gibt es Arbeitsverpflichtung und Anordnungen zu extremer Arbeitszeitausdehnung. In diesem Fall kommt nach dem „Arbeitssicherstellungsgesetz“ (ASG) als Teil der Notstandsgesetze zu einer Zwangsverpflichtung unter Androhung von Gefängnis für Spezialisten aller Berufsgruppen.

Arbeitssicherstellungsgesetz

Für Zwecke der Verteidigung … kann nach den Vorschriften dieses Gesetzes 1. das Recht zur Beendigung des Arbeitsverhältnisses vom vollendeten 18. Lebensjahr bis zum Erreichen der Regelaltersgrenze beschränkt werden, 2. ein Wehrpflichtiger in ein Arbeitsverhältnis verpflichtet werden, 3. eine Frau vom vollendeten achtzehnten bis zum vollendeten fünfundfünfzigsten Lebensjahr im zivilen Sanitäts- oder Heilwesen sowie in der ortsfesten militärischen Lazarettorganisation in ein Arbeitsverhältnis verpflichtet werden5.

Die Rüstungsindustrie jubelt über explodierende Gewinne, die Kurse von Rheinmetall & Co. schießen durch die Decke, aber ebenso die Preise für Benzin, Gas, Lebensmittel und die Mieten.

Der Umweltverband Robin Wood und die Rosa-Luxemburg-Stiftung haben vorgeschlagen, im Osnabrücker Werk weiterhin smarte Kleinbusse für den öffentlichen Verkehr zu bauen6 – technisch machbar, ökologisch sinnvoll, die Arbeitsplätze sichernd – aber der Profit ist natürlich geringer als bei der Rüstungsproduktion. Über diesen Vorschlag wird dennoch weiter zu beraten, für zivile Produktion weiter zu kämpfen sein.

1https://www.volkswagen-group.com/de/publikationen/weitere/satzung-der-volkswagen-aktiengesellschaft-stand-juli-2024-2984

2https://www.volkswagen-group.com/de/hauptversammlung-2026-19931#

3https://www.youtube.com/watch?v=xWrrl0sC9Qk

4https://www.msn.com/de-de/finanzen/top-stories/werk-in-osnabr%C3%BCck-iron-dome-f%C3%BCr-europa-so-soll-vw-bei-der-produktion-helfen/ar-AA235N2C

5https://www.gesetze-im-internet.de/asg/BJNR007870968.html

6https://www.robinwood.de/blog/erste-studienergebnisse-vorgestellt

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