Krise in der Autoindustrie – wer zahlt, wer gewinnt?

Automobilindustrie im Umbruch – Konferenz der Fraktion Die Linke im Bundestag am 16. Juni in Schweinfurt.

Der Ort und der Zeitpunkt für die Konferenz waren gut gewählt. Ganz kurz vor dem Potsdamer Parteitag und in der Industriestadt Schweinfurt. Schweinfurt ist nicht nur die Stadt von Friedrich Rückert, sondern ein Zentrum der Automobilindustrie, dem man den Niedergang deutlich ansieht. Schweinfurt ist außerdem der Wahlkreis von Agnes Conrad, die für Die Linke ein Mandat im Bundestag hat.

Agnes Conrad und ihre Bundestagskollegen Jörg Cezanne, Cem Ince und Mirze Edis haben an der Konferenz teilgenommen und sich kompetente Gäste für die inhaltliche Arbeit eingeladen. Ines Schwerdtner betonte in ihrem Grußwort, dass zur linken Industriepolitik der Kampf um jeden Arbeitsplatz gehört. Agnes Conrad verortete Die Linke als Partei an der Seite der Arbeiterinnen und Arbeiter in der Auto- und Zulieferindustrie, die um den Erhalt von Arbeitsplätzen, um Mitbestimmmung und um Tarifverträgen kämpft.

Dann folgten drei Panels mit sehr kompetenten Besetzungen.

Im Panel 1 berichteten Kollege Hüseyin Aksu von ZF und Ulrich Schöplein von Schaeffler über ihre betrieblichen Kämpfe, Christian Christen vom IG Metall-Team des Transformationsnetzwerkes Berlin-Brandenburg gab einen guten Überblick unter der Überschrift „Krise oder Umbruch? Die aktuelle Lage der Automobilindustrie“.

Im Panel 2 ging es um die Frage, wer die Kosten der Transformation trägt. Ich durfte dort neben Prof. Sabine Pfeiffer von der Universität Erlangen-Nürnberg und Christina Schildmann von der Hans-Böckler-Stiftung sprechen.

Im 3. Panel diskutierten Thomas Höhn als Geschäftsführer der IG Metall in Schweinfurt, Katharina Keil als sozial-ökonomische Ökonomin und Ludwig Hehl als Fachreferent der Bundestagsfraktion über „Industriepolitik – Verantwortung und Perspektiven“.

Ich selbst habe, sehr kurz zusammengefasst, am Beispiel von Volkswagen darüber gesprochen, wie die Arbeiterinnen und Arbeiter die Kosten der Krise tragen – wenngleich sie nur wenige Möglichkeiten hatten und haben, auf die Unternehmens- und Industriepolitik Einfluss zu nehmen und keinerlei Anteil an den Gründen für den Niedergang der Industrie haben.

Diese Gründe wären – auch nur als Stichworte genannt:

  • Die Ideologie der „Technologieoffenheit“ und das Festhalten am Verbrenner
  • Der uneinholbare technologische Rückstand gegenüber China
  • Die völlig verfehlte und ausschließlich auf kurzfristige Gewinne orientierte Modellpolitik
  • Die globalen Verwerfungen, die Kriege und das Ende der neoliberalen Globalisierung
  • Die Hintertreibung der sozial-ökologischen Transformation und der Verkehrswende durch die Unternehmen

Das Management von Volkswagen erklärt das bisherige Geschäftsmodell, nämlich große und teure Autos auf wachsenden Märkten zu hohen Preisen absetzen zu können, für passé. Deshalb Sparprogramme, Personalabbau in Größenordnung von 50.000 und Werksschließungen in Europa und China. Das Problem ist, das den Managern kein neues Geschäftsmodell einfällt, außer in die Rüstungsproduktion einzusteigen. Am Beispiel des VW-Werkes in Osnabrück wird sichtbar, dass

1. Rüstungsproduktion keine Perspektive ist – die Munitionslager sind irgendwann voll und

2. zivile Alternativen denk- und machbar sind.

Im Buch „Spurwechsel“ haben wir das mit diversen Studien inklusive kollektiver Arbeitszeitverkürzung für die gesamte Mobilitätsindustrie belegt und für den Standort Osnabrück gibt es ganz konkrete Vorschläge zur Auslastung mit ziviler und nachhaltiger Produktion. Diese Vorschläge wurden übrigens auch den Aufsichtsratsmitgliedern aus Betrieb und Gewerkschaft sowie dem Ministerpräsidenten und der Kultusministerin als Vertreter des Landes Niedersachsen im Aufsichtsrat übermittelt und erläutert.

An konkreten Zahlen habe ich sichtbar gemacht, wer die Kosten NICHT trägt: In der Bilanz 2025 von Volkswagen stehen ein Absatz von 9 Millionen Autos, ein Umsatz von 322 Milliarden Euro, ein operatives Ergebnis von 15 Milliarden Euro, ein Gewinn nach Steuern von 7 Milliarden Euro und eine Gewinnausschüttung von 2,6 Milliarden Euro. Davon entfallen etwa eine Milliarde auf die Familien Porsche und Piëch. Die Gewinnrücklage des Konzerns ist auf über 160 Milliarden Euro angewachsen.

Tatsächlich ist der Gewinn rückläufig – die Überkapazitäten drücken den Gewinn auf weniger als drei Prozent, die Konkurrenz wird übermächtig und die Perspektive ist ungewiss. Aber die Finanzlage des Konzerns ist immer noch so, dass die Transformation aus eigener Kraft möglich ist, der turnaround hin zu einem sozial-ökologischen Mobilitätsanbieter geschafft werden kann.

Tatsächlich tragen die Arbeiterinnen und Arbeiter seit langem die Kosten. Ende der 1990er Jahre wurde mit dem Projekt „Auto 5000“ eine zweite, geringere Lohnlinie mit längerer Arbeitszeit bei Volkswagen etabliert. Als Mitglied der Tarifkommission und des Betriebsrates habe ich dieser Vereinbarung damals laut und deutlich widersprochen. Dann wurden die beiden unterschiedlichen Lohn- und Arbeitszeitmodelle im Lauf der Jahre angeglichen – und zwar nach unten. Seinen vorläufigen Tiefpunkt erreichte diese Entwicklung mit dem Tarifabschluss vom Dezember 2024 – eine vereinbarte Lohnerhöhung von fünf Prozent wurde nicht ausgezahlt, die Arbeitszeit wurde für alle Arbeiter*innen im alten Tarifvertrag verlängert, ein neues Entgeltsystem mit einer Personalkostenreduzierung von sechs Prozent ab 2027 wurde vereinbart und 50.000 Stellen sollen gestrichen werden.

Die Gründe für den Niedergang habe ich oben genannt. Die Personalkosten spielen bei diesen Gründen keine Rolle, betragen sie doch nur noch 15 Prozent des Umsatzes und liegen damit 10 Prozentpunkte unterhalb dessen, was sie vor 30 Jahren betrugen. Wenn dennoch bei den Personalkosten gespart wird, ist das dysfunktional und kein Beitrag zur Zukunftssicherung, kein Beitrag zur Problemlösung der Krisenursachen. Das wissen alle, auch die Gewerkschaft. Aus diesem Wissen bei den Arbeiterinnen und Arbeitern speisen sich auch die Unzufriedenheit vieler Menschen.

Zu nennen, aber hier nicht auszuführen, wären noch die externalisierten Kosten, die Klimakatastrophe, die gesundheitlichen Belastungen vieler Menschen und die Gefahren der Hochrüstung für gute soziale Verhältnisse und letztlich das Überleben der Menschheit.

Die industriepolitische Geisterfahrt der Bundesregierung wurde bei dieser wichtigen Konferenz der linken Bundestagsfraktion von allen Beteiligten massiv kritisiert und eigene industriepolitische Impulse wurden angekündigt. Das ist auch dringend erforderlich, um dem Anspruch der „organisierenden Klassenpartei“ in dieser großen und immer noch bedeutenden Industrie ganz konkret gerecht zu werden, um die Lücken zu füllen, um Gewerkschaften zu stärken und um den Demagogen und Populisten von rechts das Wasser abzugraben.

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