Tabula rasa bei VW – Kriegserklärung an die Belegschaften

Über das Überprüfungsgespräch, die gekündigten Tarifverträge und der Kampf um jeden Standort, um jeden Arbeitsplatz.

Man kann es drehen und wenden wie man will – an den unterausgelasteten Fabriken kommt niemand vorbei.

Die zwei Probleme der Autoindustrie in Deutschland: Erstens ein uneinholbarer technologischer Rückstand gegenüber China und zweitens Überkapazitäten in Größenordnung einiger Millionen Fahrzeuge.

China ist der weltweit größte Automobilmarkt und war fast vier Jahrzehnte eine Goldgrube für die deutschen Autohersteller. Das hat sich in den letzten zwei Jahren grundlegend geändert. Im Jahr 2020 hielten ausländische Hersteller in China noch rund 62 % Marktanteil – bis Ende 2024 ist dieser auf etwa 36 % gefallen. Besonders betroffen: die deutschen Marken, deren kumulierter Anteil von 24 % auf rund 15 % schrumpfte. Nach einem Höchstwert des VW-Konzerns von 4,2 Millionen verkauften Fahrzeugen im Jahr 2019 sinken die Verkäufe bis 2025 um fast 36 Prozent auf 2,7 Millionen. Ebenso sank die deutsche Inlandsproduktion aller Hersteller von 5,7 Millionen im Jahr 2016 auf 4,1 Millionen Fahrzeuge im Jahr 2025 um rund 30 Prozent. Viele Fabriken von Volkswagen, Audi, BMW, Mercedes, Porsche, Opel und Ford sind nur zur Hälfte ausgelastet.

Eine Besserung ist nicht in Sicht, unter anderem weil die Produktion ins Ausland verlagert wird und mit großen und teuren Autos am Bedarf vorbei produziert wird.

Man kann es drehen und wenden wie man will – an den unterausgelasteten Fabriken kommt man nicht vorbei. Volkswagen plant deshalb, die technischen Kapazitäten von 11 Millionen Einheiten auf neun Millionen zu senken – was schon überambitioniert ist angesichts der tatsächlichen aktuellen Verkaufszahlen von weniger als acht Millionen Fahrzeugen. An diesen Tatsachen ändert sich auch nichts, wenn man, was sich durchaus lohnt, nach Ursachen und Schuldigen dafür sucht.

Unbedingt zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang, dass durch den Tarifvertrag von Dezember 2024, durch Personalabbau, Arbeitszeitverlängerung und Lohnsenkungen im Schnitt von jedem Arbeiter und jeder Arbeiterin bereits 10.000 Euro beigetragen und die Kosten um 1,5 Milliarden Euro reduziert wurden. „Seit der Einigung mit unserer Arbeitnehmervertretung und der IG Metall im Dezember 2024 konnte die Marke Volkswagen in ihren Werken Wolfsburg, Emden und Zwickau die Fabrikkosten im Durchschnitt bereits um rund 30 Prozent senken“, erklärte VW-Markenchef Thomas Schäfer bereits im Dezember 20251. Im wegen der Verlagerung der Bulli-Produktion in die Türkei stark unterausgelasteten Werk in Hannover wurden die Kosten immerhin um 20 Prozent gesenkt. Für das Werk in Hannover wurde jetzt die Produktion von gepanzerten Transportfahrzeugen ins Gespräch gebracht. Das verspricht höchste Profite und dafür braucht es keine imaginäre „Wettbewerbsfähigkeit“, denn Pistorius zahlt jeden gewünschten Preis – whatever it takes.

Der Mehrheitsaktionär des VW-Konzerns, der Porsche-Piëch-Clan, und das Management haben sich zu zwei Maßnahmen entschlossen:

Erstens die Umgruppierung von Kapital in die profitable Rüstungsindustrie (whatever it takes) und

zweitens Sparprogramme am laufenden Band zur weiteren Verschärfung der Ausbeutung der Arbeiterinnen und Arbeiter.

Das Handelsblatt kommentiert die Hilflosigkeit der zweiten Maßnahme heute treffend, dass durch Sparrunden kein einziges Auto entstanden ist, dass international mithalten könnte.

Das Überprüfungsgespräch

„Nach der anhaltend desaströsen Kommunikation des Konzernvorstands zwingen Gesamtbetriebsrat und IG Metall die Unternehmensspitze nun dazu, Klartext zu reden. Das Ziel: In einem sogenannten Überprüfungsgespräch zum Tarifkompromiss von Ende 2024 muss der Vorstand endlich Farbe bekennen und folgende zentrale Frage beantworten: Steht er weiterhin zu seinen vertraglichen Zusagen? Eine Antwort auf diese Frage hatte der Vorstand bei den zusätzlichen Betriebsversammlungen Ende August umschifft. Das wird sich nun ändern. Die Arbeitnehmerseite zieht hierfür eine Klausel aus dem im Dezember 2024 geschlossenen Vertrag2.“ Volkswagen nennt das „Revisionsgespräche“ und äußert sich so dazu: „Um die notwendige Handlungsfähigkeit zu sichern, hat nach der IG Metall auch die Volkswagen AG die Revisionsklausel des Zukunftstarifvertrags gezogen3.“

Im § 7, der Revisionsklausel des „Zukunftstarifvertrages“ von Januar 2025 ein, heißt es:

7.1 Bei wesentlichen Änderungen der Grundannahmen oder der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen während der Laufzeit dieses Tarifvertrages bis zum 31. Dezember

2030 gilt folgendes Verfahren:

Die Tarifvertragsparteien verpflichten sich einmal je Quartal zu einem Überprüfungsgespräch.

Voraussetzung ist, dass eine Partei das Überprüfungsgespräch beantragt. Ziel des Überprüfungsgesprächs ist eine einvernehmliche Lösung. Die Tarifvertragsparteien erörtern dabei die notwendigen Maßnahmen unter Einschluss sozialpolitischer Instrumente.

7.2 Kann ein Einvernehmen zwischen den Tarifvertragsparteien nicht erzielt werden, kann von jeder Seite die Schlichtungsstelle gemäß § 30.1.2 MTV angerufen werden.

Was haben IG Metall und Betriebsrat eigentlich geglaubt, womit der Porsche-Piëch-Clan das Management für dieses „Überprüfungsgespräch“ beauftragen? Und der Vorstand hat, wie gewünscht, Farbe bekannt: Mit der Kündigung zahlreicher Tarifverträge eröffnet das Unternehmen ein neues Feld für die Tarifauseinandersetzung 2026. Dieses gehört jedoch nicht in das von der IG Metall beantragte heutige Überprüfungsgespräch, sondern an den tariflichen Verhandlungstisch4.

Das Unternehmen hat im Überprüfungsgespräch erhebliche Zweifel daran angemeldet, die im Tarifabschluss 2024 vereinbarten Investitionen in neue Modelle und Werke wie zugesagt umsetzen zu können und stellt die 2024 vereinbarten Einsparungen als nicht ausreichend dar.

Die Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo sagt dazu: „Schon 2024 sind wir mit Verzicht über alle Beschäftigtengruppen an die Grenze des Vermittelbaren gegangen. Das wird sich nicht wiederholen. Dafür müssen aber wir alle in der Tarifrunde den Vorstand spüren lassen, dass er auf der falschen Spur unterwegs ist. Ich rechne mit einer heftigen Auseinandersetzung zum Jahreswechsel.“

IG Metall Bezirksleiter Thorsten Gröger: „Das Unternehmen stellt zentrale Konzerngrundsätze infrage. Das markiert einen tiefen Bruch mit der jahrzehntelangen Volkswagen-Kultur und ist zugleich eine klare Kampfansage an die Belegschaft. Jetzt gilt es, gemeinsam mit den Betriebsräten und Vertrauensleuten die heutigen Maßnahmen zu bewerten, die nächsten Schritte vorzubereiten und die Reihen für die bevorstehende Tarifauseinandersetzung zu schließen. Klar ist schon heute: Volkswagen hat mit seinen Kündigungen eine erhebliche Auseinandersetzung über die Zukunft der tariflichen Arbeitsbedingungen eröffnet. Ab Januar könnte bei Volkswagen ein Arbeitskampf drohen, dieses Vorgehen hat einzig und allein der Arbeitgeber zu verantworten!“5

Welche Tarifverträge wurden gekündigt?

Im „Zukunftstarifvertrag“ vom Januar 2025 war bereits vereinbart, den Entgelttarifvertrag mit dem Ziel zu überarbeiten, die Personalkosten um sechs Prozent zu reduzieren. Die jetzigen Kündigungen gehen also nochmals weit über diese sechs Prozent hinaus. Gekündigt wurden zehn Tarifverträge – und damit wesentlich Teile der VW-Haustarifpalette:

Entgelttarifvertrag, Manteltarifvertrag, Rahmentarifvertrag zur Eingruppierung, Tarifvertrag Tarifliche Zulage, Tarifvertrag über die Gewährung einer tariflichen Zusatzvergütung, Tarifvertrag über Leistungs- und Personalbemessung, Tarifvertrag für Beschäftigte mit besonderen Arbeitszeiten sowie die §§ 6 und 18 Ausbildungstarifvertrag, der Rahmentarifvertrag für Beschäftigte mit Spezialisten- oder Führungsfunktionen – TarifPlus und der Entgelttarifvertrag für Beschäftigte mit Spezialisten- oder Führungsfunktionen – TarifPlus.

Da die Tarifverträge für alle Mitglieder der IG Metall gelten, sind auch alle Mitglieder der IG Metall angegriffen.

Im Ausbildungstarifvertrag zum Beispiel soll, nachdem die Anzahl der Ausbildungsplätze schon halbiert wurden, die Übernahme von Auszubildenden und dual Studierenden nach erfolgreicher Ausbildung in ein Arbeitsverhältnis gekündigt werden.

Im Entgelttarifvertrag ist folgendes geregelt: In § 2 ist die Eingruppierung in bestimmte Arbeitssysteme und Entgeltstufen – betrifft also unmittelbar die Tätigkeit und den Lohn. Im § 3 sind die Entgeltregelungen beschrieben, zum Beispiel die Einarbeitungszeit, in der das Entgelt nur 80% beträgt. Im § 4 geht es um die Einordnung von Tätigkeiten in Entgeltstufen. Dabei wird bisher „die Gesamtheit der auszuführenden Arbeiten“ zugrunde gelegt. § 5 bezieht sich auf die Existenz und Aufgaben von paritätischen Entgeltkommissionen. In § 6 sind Verfahrensregeln beschrieben einschließlich der Transparenz für alle Arbeiterinnen und Arbeiter. Die § 7 und 8 beinhalten Zuschläge für Versetzungen und vorübergehende Beschäftigung in anderen Tätigkeiten, § 9 behandelt befristete Entgeltgarantien bei Versetzungen.

Im Manteltarifvertrag geht es um das Arbeitsverhältnis an sich,

  • darum, dass es grundsätzlich unbefristet ist,
  • um die Probezeit, um Arbeitszeit und Flexibilität, um Beschränkung von Überstunden und Wochenendarbeit,
  • um die menschengerechte Arbeitsorganisation / Teamarbeit und die Mitbestimmung des Betriebsrates dabei,
  • um die Leistungs- und Personalbemessung und deren biologische und soziale Zumutbarkeit sowie das individuelle und kollektive Reklamationsrecht dieser Bemessungen,
  • die Anzahl der Urlaubswochen,
  • die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall,
  • die Einmalzahlungen, also ehemaliges Weihnachts- und Urlaubsgeld.

All das stellen der Porsche-Piëch-Clan und sein hoch bezahlter Konzernvorstand zur Disposition – eine Kriegserklärung an die Arbeiterinnen und Arbeiter, an den Betriebsrat und an die IG Metall. Man reibt sich erstaunt die Augen und fragt sich, wie das zum Zielbild passt, „der attraktivste Automobilkonzern der Welt zu werden6.“ Einsichtig und gleichzeitig verantwortungslos wird das, wenn in der Neuausrichtung des Unternehmens gleichzeitig formuliert wird, sich auf das Kerngeschäft Autos zu bauen fokussiert wird und damit jeder Konversion außer der Rüstungsindustrie („Geschäftserweiterung im Bereich der Sicherheit“) eine Absage erteilt wird.

Im „Kampf um jeden Arbeitsplatz“ werden dabei Fragen aufgeworfen, die diskutiert und dringend beantwortet werden müssen – auch, um ehrlich kämpfen zu können:

  • Ist ohne drastische kollektive Arbeitszeitverkürzung, zum Beispiel die 4-Tage-Woche, der Personalabbau aufzufangen?
  • Sind ohne alternative Produkte, zum Beispiel Fahrzeuge für den öffentlichen Verkehr, die Standorte und Arbeitsplätze zu halten?
  • Ist ohne veränderte Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel, zum Beispiel die Vergesellschaftung des Unternehmens, eine andere Produktionsweise durchzusetzen? Die bisherige Mitbestimmung ist offensichtlich kein ausreichendes Mittel, um solche Katastrophen abzuwenden.

Auf die Arbeiterinnen und Arbeiter, auf den Betriebsrat und die IG Metall kommen jetzt – nicht nur bei VW – harte Auseinandersetzungen zu. Und es kann nicht wieder einen „Kompromiss“ mit einer derart kurzen Halbwertzeit geben wie im Dezember 2024. Da alle Mitglieder der Gewerkschaft und darüber hinaus alle Arbeiterinnen und Arbeiter im Visier des Porsche-Piëch-Clan bei der Jagd nach Maximalprofiten sind, sollten und müssten alle jetzt solidarisch zusammenstehen. Isoliert machen sie jede Belegschaft und jeden Standort von Volkswagen und Audi, von Porsche und Mercedes, von Conti und ZF, von Bosch und Mahle platt – gemeinsam sind die Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter immer noch stärker als die Millionäre im Vorstand oder Milliardäre der Familien Porsche, Piëch, Quandt und Klatten.

1https://ecomento.de/2025/12/18/vw-hat-fabrikkosten-in-wolfsburg-emden-und-zwickau-um-30-prozent-gesenkt/

2https://www.igm-bei-vw.de/meldung/ig-metall-zieht-vertragsklausel-fuer-ueberpruefungsgespraech

3https://www.volkswagen-group.com/de/pressemitteilungen/revisionsgespraeche-haben-begonnen-volkswagen-ag-kuendigt-verschiedene-tarifvertraege-zum-jahresende-20714

4https://nieder-sachsen-anhalt.igmetall.de/Aktuelles/2026/2026-09-30-vorstand-will-reihenweise-tarifvertraege-kuendigen0

5https://www.igm-bei-vw.de/meldung/vorstand-will-reihenweise-tarifvertraege-kuendigen-erste-auswirkungen-ab-januar-moeglich

6https://www.volkswagen-group.com/de/zukunftsplan-naechste-phase-der-transformation-20510?query=

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