Die fetten Jahre der Auto- und Zuliefererindustrie in Deutschland sind endgültig vorbei. Der drastische Rückgang von Produktion und Absatz setzt sich 2026 fort in einer Ökonomie, die auf Wachstum angewiesen ist: bei Mercedes minus 1 Prozent, bei VW minus 5 Prozent und bei Ford minus 10 Prozent. Zuwachs gibt es bei den chinesischen Herstellern BYD, Xpeng und Leapmotor.
| Jahr | 1985 | 2016 | 2025 |
| Mio. Autos | 4,2 | 5,8 | 4,1 |
Automobilproduktion in Deutschland (Quelle VDA)
Die Ursachen sind oft benannt und weitgehend unstrittig: unrentable Überkapazitäten, die Ideologie der „Technologieoffenheit“, der technologische Rückstand gegenüber chinesischen Herstellern, die auf Maximalprofit ausgerichtete Modellpolitik und die Verlagerung von Produktion nach Polen, Ungarn, in die Türkei und in andere Länder mit geringen Personalkosten. Zu fast 70 Prozent werden neue Autos in Deutschland steuermindernd als Geschäftsfahrzeuge angemeldet.
Vier Millionen Erwerbslose und jeden Monat minus 15.000 Industriearbeitsplätze – wesentlich daran beteiligt sind Volkswagen, Mercedes, Ford, Conti, Bosch und ZF. Das fast lautlose Sterben kleinerer Zulieferbetrieb ist schon lange im Gange: Autoliv in Elmshorn, Eberspächer in Hermsdorf und Herxheim, Freudenberg in Weinheim, GKN in Zwickau, Leoni in Brake, Sitech in Hannover, Webasto in Hengersberg, Boryszew in Gardelegen und sehr viele andere. Erst werden den Arbeiter*innen Zugeständnisse abgepresst, wie zum Beispiel bei Brose in Würzburg, dann wird der Betrieb doch meist irgendwann verlagert oder geschlossen. Trotz Lohnverzicht und Arbeitszeitverlängerung.
Kahlschlag bei VW
Wenn der VW-Vorstand auf anraten smarter BWLer und auf Zuruf von Ratingagenturen die Fabriken in Dresden, Osnabrück, Zwickau, Emden, Hannover und Neckarsulm schließen will, trifft das hunderttausende Arbeiterinnen und Arbeiter und die Kommunen existenziell. Das sind keine Planspiele, sondern bittere Realität. Sparorgien, offen, brutal und ohne sozialpartnerschaftliche Betriebsgemeinschaftsideologie – mit den dümmsten Begründungen und mit geringster Perspektive für die Arbeiterinnen und Arbeiter.
Die Zahl von 50.000 weiteren Stellen, die gestrichen werden sollen, „ergebe sich aus dem Vorhaben, die Kosten für Verwaltung, Infrastruktur und Unterstützung des Kerngeschäfts auf ein wettbewerbsfähiges Niveau zu senken“ – so der Vorstandschef Oliver Blume in einer an den Spiegel geleakten internen Information an die „lieben Mitarbeiter“, ohne auf die Arbeit an sich einzugehen. Zwar seien „die Fabrikkosten“ bereits um 20 Prozent reduziert worden, die „Gemeinkosten“ seien aber immer noch 20 Prozent höher als in vergleichbaren Unternehmen.
Zu den beabsichtigten Standortschließungen sagt Blume: „… dass wir heute für die Werke noch keine wettbewerbsgerechte Belegung bestätigen können.“ Das Management macht seinen Job im Auftrage des Porsche-Piëch-Clans. Tatsächlich sollen auch der Betriebsrat und die IG Metall geschwächt und die Mitbestimmungsrechte ausgehebelt werden.
Wie wenig die formalisierte Mitbestimmung noch hilft, wird am Agieren des Betriebsrates deutlich: Vor der Aufsichtsratssitzung wird in allen Werken ein kleiner Protest von gewerkschaftlichen Vertrauensleuten vorgeführt. Nach der Aufsichtsratssitzung – die, so betont der Betriebsrat, vertraulich ist, widrigenfalls würden Informanten mit Gefängnis bestraft – fordert er das Management ultimativ zu einer Information der Belegschaft auf.
Als diese Information nicht kommt, stellt der Betriebsrat lakonisch fest: „In der Konsequenz wird Herr Dr. Blume nun nach der Sommerpause in (außerordentlichen) Betriebsversammlungen vor den Kolleginnen und Kollegen Rede und Antwort stehen müssen.“
Betriebsrat schwenkt weiße Fahne
Das beeindruckt ihn sicher. Sollte es dazu kommen, wäre das nicht mehr als ein wenig angenehmer Termin für den Zehn-Millionen-Mann, den er aber jederzeit verlassen kann. In einem Brief an die Belegschaft hatte der Betriebsrat sich zuvor selbst entwaffnet: „Wir als Eure Belegschaftsvertretungen wissen nur zu gut, wie hart der wirtschaftliche Druck derzeit ist, wie eng der Wettbewerb und wie zwingend die Notwendigkeit, Dinge grundlegend zu ändern – und zwar auch mittels Stellschrauben, die schmerzvoll sein werden.“
Sich selbst entwaffnend deshalb, weil der Anspruch des Porsche-Piëch-Clans nach einer Umsatzrendite von zehn Prozent ausgeblendet wird, ebenso wie die über 30 Milliarden Euro für den Abgasbetrug, die hohen Gewinnrücklagen von 160 Milliarden Euro oder die 40 Milliarden Euro Dividenden an die Aktionäre in den letzten zehn Jahren.
Diese riesige Menge Geld könnte locker in eine Transformation hin zu einem modernen Mobilitätsunternehmen investiert werden, wozu der Betriebsrat aber auch keine eigenen Ideen vorlegt – nicht einmal für so gefährdete Standorte wie Osnabrück, Dresden oder Hannover. Der Betriebsrat stimmt Sonderschichten, Überstunden und einer pauschalen Verlängerung der Arbeitszeit in einer Situation zu, in der Überkapazitäten und Personal abgebaut werden sollen, in der es weniger Arbeit gibt, aber die Arbeiterinnen und Arbeiter mehr leisten sollen.
Er antwortet mit seiner erweiterten Mitbestimmung nicht auf die Herausforderung, nicht in die Rüstungsproduktion einzusteigen und so neue, gigantische und zugleich gefährliche Akkumulationsmöglichkeiten für das Kapital zu finden. Der IG Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger verteidigt zurecht das VW-Gesetz und stellt den geschichtlichen Zusammenhang her: „Das Volkswagengesetz ist die historische Antwort auf den Raub von Gewerkschaftsvermögen durch die Nazis.“
Derweil verlagert Volkswagen die Golf-Produktion nach Mexiko und Mercedes feiert die Eröffnung der größten Autofabrik in Ungarn. In der Zeitung der IG Metall lese ich den Beitrag eines Betriebsratsvorsitzenden eines anderen Unternehmens: „Entscheidend ist, dass wir die Industriearbeitsplätze sichern – dafür müssen wir alle ein Stück zurückstecken.“ Die IG Metall, meine Gewerkschaft, hat offensichtlich ein großes, fettes Problem.
Eine strategische Industriepolitik ist von dieser Regierung nicht zu erwarten. Einem Bericht des Wirtschaftsmagazins “Capital“ zufolge prüft die niedersächsische Landesregierung über ihre Beteiligung von 20 Prozent an der Volkswagen AG eine direkte Beteiligung am Volkswagenwerk in Osnabrück. Damit soll der unsinnige und gefährliche Umbau von der Auto- zur Rüstungsproduktion gestützt werden.
Die Alternativen
CDU und AfD nutzen das Thema bereits, wie die »Wolfsburger Allgemeine Zeitung« am 15.7.2026 berichtet. Aber linke, antikapitalistische Alternativen sind gefragt und können diese ökonomische, soziale und gesellschaftspolitische Leerstelle füllen. Glaubwürdige Alternativen sind weit ausformuliert: Umbau zu Mobilitäts- und Energiewendeunternehmen, zum Systemanbieter mit der Produktion smarter, reparaturfreundlicher Fahrzeuge für den privaten und öffentlichen Verkehr, mit On-Demand-Shuttles für dünn besiedelte ländliche Räume und Lieferverkehre, mit Carsharing-Plattformen, mit Batterieproduktion für verschiedene Anwendungen und Speichern für erneuerbare Energie, mit Blockheizkraftwerken, mit dem Ausbau von Ladeinfrastruktur und dem Auto als Teil des Energiesystems.
Und Arbeitszeitverkürzung statt Personalabbau: Die Vier-Tage-Woche für alle statt Arbeitslosigkeit für viele. Wir wollen keine Handelskriege, sondern ein gutes Leben für alle Menschen, wie mir eine gewerkschaftliche Vertrauensperson aus dem Werk schrieb: „Der Fokus muss auf die Anteilseigner und deren Leute im Vorstand gelenkt werden. Der Feind sitzt immer oben und nicht neben mir auf einer Betriebsversammlung.“
Soziale Garantien in dieser unsicheren Zeit: keine Entlassungen, keine Betriebsverlagerungen, sondern Umbau der Industrie für nachhaltige, sinnvolle und gesellschaftlich nützliche Produkte. Ines Schwerdtner, die Co-Vorsitzende der Linken, hat sich im Gespräch mit der »Freien Presse« in Zwickau geäußert: „Wenn die Werke in Zwickau oder Chemnitz schließen, dann bedeutet das Abstiegsängste für tausende Menschen. Das schafft ein Klima, von dem erfahrungsgemäß der rechte Rand profitiert. Dann kann man auch gleich den roten Teppich ausrollen für die AfD. Das wäre fahrlässig.“
Solidarität mit den Arbeiterinnen und Arbeitern heißt jetzt, Alternativen entwickeln, Konzepte für einen friedlichen und sozial-ökologischen Umbau vorlegen, Transformationsräte organisieren, Kampf um Arbeitszeitverkürzung statt Stellenabbau. Die Erwartungen der Kolleginnen und Kollegen an die Linke sind hoch, wie mir ein Vertrauensmann der IG Metall schrieb: „Es gilt, die kommenden Arbeitskämpfe zu unterstützen, klar Position zu beziehen. Der Fokus muss auf die Anteilseigner und deren Leute im Vorstand gelenkt werden. Der Feind sitzt immer oben und nicht neben mir auf einer Betriebsversammlung.“
Zunächst veröffentlicht in https://www.sozonline.de/
