ArbeitFairTeilen? Regierung droht mit „Vollbeschäftigung“

 

Text von mir und Jörg Melz für die Attac AG ArbeitFairTeilen (Frühjahr 2011), aber immer noch sehr aktuell!

Zu Demografie, Wachstum, Interessengegensätzen und politischen Erfordernissen.

Aktuell werden offiziell weniger als 3 Mio. Arbeitslose ausgewiesen und am Horizont sieht Frau Merkel schon die Vollbeschäftigung leuchten – allerdings mit geringfügiger Beschäftigung, Teilzeit, Leiharbeit und 1-€-Jobs… Doch in Deutschland hat man auch davor Angst, denn es könnte schließlich ein Fachkräftemangel drohen. Tatsächlich droht Armut trotz Arbeit! Aber: ArbeitFairTeilen? Regierung droht mit „Vollbeschäftigung“ weiterlesen

Arbeitsmarktlegenden und Arbeitszeitpolitik

Stephan Krull / Jörg Melz für die Zeitschrift SOZIALISMUS

Legenden von Vollbeschäftigung und Facharbeitermangel – Arbeitszeitpolitik und ihre gesellschaftlichen und politischen Akteure

Annähernde Vollbeschäftigung und ein akuter Mangel an Fachkräften verbieten jeden Gedanken an eine generelle und kollektive Arbeitszeitverkürzung. Die millionenfache betriebliche Erfahrung, dass die Personaldecke zu eng ist, dass die Aufträge nur mit Hochdruck und oft nur mit Überstunden geschafft werden können, scheinen diese These zu belegen. So verwundert es auch nicht, dass der Vorschlag der Einführung einer „Familienarbeitszeit“ von 32 Stunden pro Woche für Väter und Mütter kleiner Kinder von Familienministerin Schwesig am Jahresbeginn zwar eine individuelle Verkürzung der Arbeitszeit vollzeitbeschäftigter Menschen beinhaltet, summarisch jedoch, da dadurch mehr Menschen für den Arbeitsmarkt mobilisiert werden könnten, auf eine Erhöhung des Arbeitsvolumens bzw. auf eine Erhöhung des Angebotes an Arbeitskraft hinausliefe2. Dass die Familienministerin umgehend von der Kanzlerin zurückgepfiffen wurde, hängt wohl eher damit zusammen, dass die Büchse der Pandora nicht durch die Regierung geöffnet werden sollte. Arbeitsmarktlegenden und Arbeitszeitpolitik weiterlesen

Der marktgerechte Mensch – ein Filmprojekt

Veröffentlicht in Ossietzky, Nr. 14/2017, 8. Juli 2017

Die Welt verändert sich mit rasanter Geschwindigkeit. Die meisten Menschen werden das mit ihrer eigenen veränderten Stellung und den verschwundenen Sicherheiten am sogenannten Arbeitsmarkt selbst erleben, seit dieser mit der Hartz-Schröderschen Agenda 2010 massiv dereguliert wurde. Gesellschaftliche Solidarsysteme wie die Krankenversicherung, die Erwerbslosenversicherung und die Rentenversicherung, die über Jahrzehnte von der Arbeiterbewegung, von den Gewerkschaften erkämpft wurden, erodieren, werden ausgehebelt, gehen in ihrer Substanz verloren. Die Arbeitszeit wird verlängert und extrem flexibilisiert – Nachtarbeit und Sonntagsarbeit nehmen fast sprunghaft zu. Der marktgerechte Mensch – ein Filmprojekt weiterlesen

Zuviel Arbeit? Die Liebe kommt unter die Räder!

Stressbedingte psychische Erkrankungen sind inzwischen die häufigste Ursache für krankheitsbedingte Fehltage in deutschen Betrieben. In den zurückliegenden zehn Jahren haben sich diese Ausfalltage auf mehr als 60 Millionen pro Jahr verdoppelt. Zu über 16 Milliarden Euro für direkte Krankheitskosten kommt vor allem das Leid für die Betroffenen und ihre Familien hinzu. Die Langzeitarbeitsunkultur und die Unkultur der permanenten Erreichbarkeit und Verfügbarkeit sind ebenso ursächlich wie systematische Über- und Unterforderungen. Viele Menschen können nach der Arbeit nicht mehr abschalten, die Erwerbsarbeit nimmt einen überwältigenden Raum im Leben ein. Die Liebe, die Familie, die Kultur, die Bildung, das ehrenamtliche Engagement für die Gesellschaft, alles kommt unter die Räder – letztlich die Demokratie.

Daher gilt: Schluss mit Wochenarbeitszeiten von über 40 Stunden für den einen Teil und von weniger als 15 Stunden für den anderen. Arbeitszeitverkürzung auf um die 30 Stunden bei vollem Lohnausgleich kostet die Arbeitgeber in Deutschland rund 160 Milliarden Euro jährlich. Die Gewinnquote der Unternehmer würde, wie in den 1980er Jahren, wieder auf auskömmliche 25 Prozent sinken, die Lohnquote auf erforderliche 75 Prozent steigen – ein wichtiger Beitrag zur Umverteilung des Reichtums in unserem Land und ein dringend notwendiger Beitrag zur Austrocknung der spekulativen Finanzgeschäfte. Ein wesentlicher Aspekt solcher Umverteilung von Arbeit ist die Geschlechtergerechtigkeit. Mit 30 Stunden durchschnittlicher Wochenerwerbsarbeitszeit in Vollzeitanstellung haben endlich auch Männer ausreichend Zeit, sich an Kindern zu erfreuen, und Frauen haben endlich die gleichen Chancen in ihrer beruflichen Entwicklung.

Durch solche faire Verteilung der Erwerbsarbeit werden das Leid und die Kosten durch psychische Erkrankungen verringert und das gesamte Gesundheitssystem finanziell entlastet. Bei der Arbeitsagentur können mindestens 20 Milliarden Euro pro Jahr eingespart werden. Es verringern sich die körperlichen Belastungen während der Arbeit und die psychischen Belastungen durch die Arbeit oder durch das Fehlen von Arbeit; die Erholzeiten zwischen den Arbeitstagen verlängern sich und ermöglichen eine gesunde und erfüllende Lebensweise.

Die Digitalisierung von Arbeit und Leben, die enormen Produktivitätssteigerungen ermöglichen und erfordern eine solch radikale Verkürzung und Umverteilung der Erwerbsarbeit. Die höheren Profite aus der Arbeit 4.0 dürfen nicht noch zusätzlich den Aktionären und Finanzjongleuren zugeführt werden. Gewerkschaften, Sozialverbände und Initiativen haben sich eine faire Teilung aller Arbeit zum Ziel gesetzt: kurze Vollzeit und gute Arbeit für alle. Im angelaufenen Wahlkampf zur Bundestagswahl 2017 ist es das Gewinnerthema, wenn es denn von den Parteien, die sich dazu berufen fühlen, ehrlich und überzeugend auf die politische Agenda gesetzt wird.

http://www.ossietzky.net/9-2017

CDU und FDP: Angriff auf den 8-Stunden-Arbeitstag

Attac AG ArbeitFairTeilen wird aktiv:

Im Koalitionsvertrag von CDU/FDP in NRW wird die Auflösung des 8-Stunden-Tages angekündigt. Wörtlich heißt es dort:

„Wir wollen die Chancen der Digitalisierung nutzen und deshalb über eine Bundesratsinitiative das Arbeitszeitgesetz flexibilisieren. Die innerhalb der Vorgaben der europäischen Richtlinie zur Arbeitszeitgestaltung vorhandenen Spielräume wollen wir nutzenund die Tarifpartner innerhalb dieses Rahmens eigene Regelungen treffen lassen.“

Der WDR berichtet darüber wie folgt: CDU und FDP: Angriff auf den 8-Stunden-Arbeitstag weiterlesen

NoG20: Grenzenlose Solidarität – Alternativen zum Neoliberalismus

Bewegende Tage des Protestes gegen neoliberale Globalisierung und für Alternativen dazu sind vorbei.

Es waren tolle Aktionen für eine andere, bessere Welt, für Frieden, soziale Gerechtigkeit, für Demokratie und Versammlungsfreiheit: die vielfältige und große Demonstration „grenzenlose Solidarität“ mit vielen zehntausenden Teilnehmenden am 8. Juni; die Empörung angesichts der Gewaltexzesse am Schulterblatt und in einigen anderen Straßen oder die völlig überzogenen bis komplett rechtswidrigen Polizeieinsätze und Campverbote. NoG20: Grenzenlose Solidarität – Alternativen zum Neoliberalismus weiterlesen

35-Stunden-Woche: Angleichung Ost – West ist überfällig!

(©Foto Jürgen Biermann, Arbeitskampf 1984: Auf der Leiter ist Gerd Bruder, damaliger DGB-Kreisvorsitzender in Wolfsburg)

Arbeitszeitkampagne der IG Metall nimmt nach dem Kongress am 27.6.2017 Fahrt auf: Die 35-Stunden-Woche im Osten soll nach den Wünschen der Delegierten durchgesetzt werden. Dabei ist es wichtig, die Erfahrungen von 2003 zu berücksichtigen (Reinhard Bispincks Analyse von damals aus dem WSI-Tarifarchiv: „Stahlindustrie und Metallindustrie Ost: Der kleine Erfolg und die große Niederlage“). Die Angleichung der Arbeitszeit im Osten an die tarifliche Arbeitszeit von 35 Stunden im Westen ist im Interesse auch der Beschäftigten im Westen! 35-Stunden-Woche: Angleichung Ost – West ist überfällig! weiterlesen

Digitalisierung – Chance für gerechte Arbeisteilung?

Stichworte meines Vortrages am Samstag, 13. Mai 2017 im Fraunhofer Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung (IFF) in Magdeburg, im Video ab ca. Minute 95

Digitalisierung – Chancen für gerechte Arbeitsteilung? Ja – aber sie müssen erkämpft werden gegen die Profitinteressen der Unternehmer / des Kapitals.

Was ist ungerecht an der herkömmlichen Arbeitsteilung:

  • Vor allem Frauen sind bisher benachteiligt: aktuell überwiegend unfreiwillig in Teilzeit. Time-Gap und Lohn-Gap, Altersarmut
  • Deutsche und Migranten
  • Jung und Alt – Generation Prekär > Familienplanung, Altersarmut.
  • Ost – West, Arbeitszeit, Entgelt, Rente
  • Facharbeiter und Akademiker sowie Menschen ohne formale Qualifikation

Was ist erforderlich / wünschenswert, um diese Ungerechtigkeiten zu überwinden? Digitalisierung – Chance für gerechte Arbeisteilung? weiterlesen

Von Zeit zu Zeit: Arbeit für Alle

Veröffentlicht in Ossietzky 9/2015

Stressbedingte psychische Erkrankungen sind inzwischen die häufigste Ursache für krankheitsbedingte Fehltage in den Betrieben. In den zurückliegenden zehn Jahren haben sich diese Ausfalltage auf mehr als 60 Millionen pro Jahr verdoppelt. Zu über 16 Milliarden Euro für direkte Krankheitskosten kommt vor allem das Leid für die Betroffenen und ihre Familien hinzu. Die Langzeitarbeitsunkultur und die Unkultur der permanenten Erreichbarkeit und Verfügbarkeit sind ebenso ursächlich wie systematische Über- und Unterforderungen. Viele Menschen können nach der Arbeit nicht mehr abschalten, die Erwerbsarbeit nimmt einen überwältigenden Raum im Leben ein. Die Liebe, die Familie, die Kultur, die Bildung, das ehrenamtliche Engagement für die Gesellschaft, alles kommt unter die Räder – letztlich die Demokratie. Von Zeit zu Zeit: Arbeit für Alle weiterlesen

Arbeiten wie noch nie – Unterwegs zur kollektiven Handlungsfähigkeit

http://argument.de/wissen_index_reload.html?wissenschaft/arbeitenwienochnie.html

Die Organisation der Arbeit ist aus den Fugen. Wir müssen weg von der Spaltung in entfremdete Industriearbeit, nicht anerkannte unbezahlte „weibliche“ Reproduktionsarbeit und erzwungene Erwerbslosigkeit. Dafür gibt es kein patentrezept, aber ein paar schlüssige Überlegungen wie das Konzept des Vorsorgenden Wirtschaftens von Adelheid Bisecker , das Konzept der Tätigkeitsgesellschaft von André Gorz und die Vier-in einem-Perspektive von Frigga Haug. Die Lösung kann nur ein Gesellschaftsumbau sein, der bei den Ursachen ansetzt.

Die Kritik am historisch gewachsenen bildet den Humus für wünschenswerte Utopien und zeigt Wege zu einer anderen Art von Arbeit auf. Doch wohin wollen wir gehen? Was erwartet uns? Wie entscheiden wir?

Dieser Reader, herausgegeben von Frigga Haug, Sabine Gruber und mir, lädt ein zur offenen Entdeckungsreis auf der Suche nach kollektiven Handlungsmöglichkeiten und liefert eine Diskussions- und Entscheidungsgrundlage für die Richtungsfindung beim dringend notwendigen Umbau.