… wie viele Mitarbeiter Probleme mit den Sicherheitsvorschriften in der Rüstungsindustrie bekommen könnten! „Pre-Check“ heißt das Verfahren, für das es in Deutschland bislang kein Vorbild gibt. … nur ein Vorgeschmack auf das, was in den kommenden Monaten folgen wird.
„Niedersachsen steht geschlossen hinter seiner Sicherheits- und Verteidigungsindustrie,“ behaupten die Unternehmerverbände und beziehen sich auf 177.000 Euro aus der Landeskasse für das „Rüstungscluster Niedersachsen“.
Träger des Clusters ist das Institut der Norddeutschen Wirtschaft (INW), das die operative Umsetzung gemeinsam mit den Unternehmerverbänden Niedersachsens übernimmt. Durchgeführt werden Branchengespräche, Workshops, Standortbesichtigungen bei der Bundeswehr, Präsentationen für neue Geschäftsideen sowie gezieltes Innovations- und Finanzierungsscouting. Das Projekt wird von Niedersachsen.next unterstützt, der von den Unternehmerverbände gesteuerten Wirtschaftsagentur des Landes.
Panzerstahl, gepanzerte Transporter und Raketen
Die Porsche SE, die Holding der Familien Porsche und Piëch, hat mit einem eigenen „Defense Day“ den Aufbau einer Plattform für Investitionen in Technologieunternehmen mit weiteren Investoren angestoßen. „Wir wollen uns im Portfoliosegment verstärkt im Verteidigungs- bzw. verteidigungsnahen Bereich engagieren“, so der Aufsichtsratsvorsitzende Pötsch. Die Unternehmerverbände Niedersachsens haben dazu das Netzwerk „Wehr- und Sicherheitstechnik“ für den Rüstungscluster Niedersachsen gegründet. Stolz berichtet der Abteilungsleiter dieses Spitzenverbandes der niedersächsischen Wirtschaft, Joachim Algermissen, einst Büroleiter des einstigen FDP-Chefs Christian Dürr im Bundestag, über die „Goldgräberstimmung“ der beteiligten Unternehmen beim Jahresnetzwerktreffen der Automotive Agentur Niedersachsen im Herbst vergangenen Jahres in Hannover.
Torsten Möllmann ist Leiter der „Task Force Defence“ der Salzgitter AG, berichtete stolz über die Geschwindigkeit, in der der Konzern hochfeste, schusssichere und explosionsfeste Stähle für Panzer, Kriegsschiffe und Flugzeuge, für Gewehrläufe, Kanonenrohre, Raketen und Bunker entwickelt hat. In orwellscher Art erklärt er, dass täten sie „für Deutschland, für Europa, für die NATO, für unser Land, für unsere Interessen, für unsere Demokratie.“
Mit dem Panzerstahl aus Salzgitter werden dann zum Beispiel gepanzerte Transporter aus dem VW-Werk in Hannover. Zu den Rüstungsunternehmen in Niedersachsen wie Airbus, Salzgitter AG, MTU, Thyssen-Krupp, Thales, Renk und Rheinmetall ist jetzt noch Volkswagen hinzukommen.
Was bedeutet das für die Arbeiterinnen und Arbeiter?
Volkswagen hat einen Fragebogen an alle Arbeiterinnen und Arbeiter des Werkes in Osnabrück geschickt, um sie zu „durchleuchten“, unter anderem nach Herkunft, Vorstrafen, Finanzsituation und Social-Media-Accounts zu fragen. „Es gilt dabei nicht die Unschuldsvermutung“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Jürgen Placke. Und die „externen Dienstleister“ sind laut Sicherheitsüberprüfungsgesetz unter anderem der Bundesnachrichtendienst, das Bundesamt für Verfassungsschutz und der Militärische Abschirmdienst.
Dazu dokumentiere ich her einen Artikel aus der Neuen Osnabrücker Zeitung vom 27.102026:
Für Rüstung geeignet? Wie alle VW-Mitarbeiter in Osnabrück jetzt durchleuchtet werden.
Die Umwandlung des VW-Werkes in Osnabrück in eine Rüstungsfabrik ist beschlossene Sache. Doch wie geht das? Für die Mitarbeiter beginnt der Transformationsprozess in diesen Tagebn mit Post aus Wolfsburg. Die Sicherheitsüberprüfung nimmt Fahrt aus.
Alle 1800 Mitarbeiter von Volkswagen Osnabrück erhalten in diesen Tagen Post vom VW-Konzern. Enthalten ist ein Fragebogen, der die große Sicherheitsüberprüfung vorbereitet. Es ist der erste sichtbare Schritt in die Rüstungsproduktion.
Osnabrück wird Schauplatz eines in der bundesdeutschen Wirtschaftsgeschichte einmaligen Vorgangs: Eine Autofabrik wird zur Rüstungsschmiede. Die Verträge zur Gründung der neuen Firma, die das VW-Werk im Fledder übernehmen soll, sind zwar noch nicht unterschrieben. Für die Mitarbeiter beginnt der Umwandlungsprozess aber schon in diesen Tagen – mit Info-Gesprächen und dem Ausfüllen eines außergewöhnlichen Fragebogens.
Fragen nach Herkunft und Geldsorgen
Der VW-Konzern erbittet in dem Fragebogen private Auskünfte von allen 1800 Mitarbeitern, die bei der Volkswagen Osnabrück GmbH beschäftigt sind. Allein das ist ein bemerkenswerter Vorgang, denn üblicherweise geht es den Arbeitgeber nichts an, mit wem ein Mitarbeiter zusammenlebt oder ob er sich gelegentlich im Ausland aufhält. VW fragt auch nach Herkunft und Nationalität des Mitarbeiters und seines Lebenspartners, nach etwaigen Vorstrafen und finanziellen Hintergründen.
Wer ist anfällig für fragwürdige Angebote?
Das sind Faktoren, von denen die Sicherheitsexperten annehmen, dass sie Beschäftigte anfällig für Avancen ausländischer Geheimdienste machen könnten. Wenn jemand Geld braucht, erpressbar ist, kriminelle Erfahrungen hat oder mutmaßlich mit feindlichen Kräften sympathisiert, könnte er eine Gefahr für die Sicherheit des Unternehmens oder der Bundesrepublik Deutschland darstellen.
Das ist nur der Vorlauf für die große Prüfung
Mit dem Fragebogen will sich VW Osnabrück einen Überblick verschaffen, wie viele Mitarbeiter Probleme mit den Sicherheitsvorschriften in der Rüstungsindustrie bekommen könnten. Brauchbare Daten liegen der Personalabteilung dazu nicht vor. Warum auch? In der Autoindustrie hat bislang niemand danach gefragt.
Die Idee ist, in Osnabrück eine Fertigung aufzubauen, die im Auftrag für andere Unternehmen Rüstungsgüter produziert: unter anderem für den israelischen Rüstungskonzern Rafael, der das Luftabwehrsystem „Iron Dome“ baut. Das Land Niedersachsen will sich an dem neuen Unternehmen mit 200 Millionen Euro beteiligen.
VW soll das Werk für einen symbolischen Preis von einem Euro abgeben. 1400 der derzeit rund 1800 Beschäftigten sollen übernommen werden. Die Mitarbeiter werden bis 2029 weiterhin von Volkswagen bezahlt. Die Produktion des T-Roc-Cabrio läuft im September 2027 aus. Eine weitere Fahrzeugproduktion in Osnabrück hatte der VW-Konzern ausgeschlossen.
Niemand ist gezwungen, die Wahrheit zu sagen
Der Fragebogen wird an die Privatadressen der Mitarbeiter geschickt. Niemand ist gezwungen, die Fragen zu beantworten, die Mitwirkung ist freiwillig. Auch kann keiner hinterher belangt werden, falls er falsche Angaben gemacht hat. „Pre-Check“ heißt das Verfahren intern, für das es in Deutschland bislang kein Vorbild gibt. „Wir werden ganz viel erklären müssen“, sagt Betriebsratsvorsitzender Jürgen Placke. Deshalb startet an diesem Dienstag (27. Oktober 2026) im Osnabrücker VW-Werk eine Serie von etwa 20 Informationsveranstaltungen, um die Mitarbeiter über Sinn und Zweck des Fragebogens aufzuklären.
Nur eine Übung für den eigentlichen Sicherheitscheck
Diese VW-interne, freiwillige Abfrage ist nur ein Vorgeschmack auf das, was in den kommenden Monaten folgen wird: die eigentliche Sicherheitsüberprüfung, für die das Bundeswirtschaftsministerium in Berlin zuständig ist. Diese tiefere Prüfung müssen alle durchlaufen, die in der kritischen Infrastruktur in Deutschland arbeiten. Dazu gehören zum Beispiel sensible Bereiche der Energieversorgung und der Flughäfen. Die Rüstungsproduktion zählt auch dazu.
Die drei Sicherheitsstufen
Das Sicherheitsüberprüfungsgesetz (SÜG) kennt drei Arten der Überprüfung: die einfache Sicherheitsüberprüfung, die erweiterte und die erweiterte mit zusätzlichen Ermittlungen. Die Beschäftigten der Rüstungsindustrie werden üblicherweise in die Kategorie 2 mit erweiterter Prüfung eingestuft. Das trifft also auf die derzeitigen VW-Werker in Osnabrück zu, die in die neue Firma wechseln wollen.
Wenn die Prüfer leise Zweifel haben …
Das Wirtschaftsministerium bedient sich eines externen Dienstleisters, der die Leute schriftlich befragt und eine Beurteilung abgibt. Die Fragebögen in den unterschiedlichen Sicherheitsstufen sind im Internet veröffentlicht. Die Befragten können ankreuzen, dass sie um ein Gespräch bitten. Ansonsten treffen die Prüfer ihr Urteil nach Aktenlage. „Es gilt dabei nicht die Unschuldsvermutung“, so Betriebsrat Placke. Das heißt konkret: Wenn die Prüfer leise Zweifel an der Zuverlässigkeit oder Verfassungstreue eines Bewerbers haben, können sie ihn aussortieren.
Länderliste mit 26 Staaten
Kritisch wird es bei Beschäftigten, die Beziehungen in eines der 26 Länder haben, die auf der sogenannten Länderliste des Bundesinnenministeriums stehen. Die Liste reicht von Afghanistan bis Vietnam. Russland ist dabei, auch China, Kuba, Irak, Iran, Kasachstan, Syrien oder die Ukraine. Mitarbeiter in der Sicherheitsstufe 2 – die auch für künftige Mitarbeiter im Osnabrücker Werk gelten dürfte – müssen zudem die Auslandsbeziehungen ihrer Lebenspartner, Kinder und aller Personen angeben, mit denen sie in einem Haushalt leben.
Und alle Aktivitäten in den sozialen Medien
Die Social-Media-Aktivitäten sind ebenfalls relevant für den Sicherheitscheck. Bewerber werden aufgefordert, etwaige eigene Internetseiten und alle ihre Accounts auf Facebook, Tiktok, Instagram, X, LinkedIn oder anderen aufzulisten.
Wie lange die Prüfung dauern wird
Volkswagen Osnabrück äußerte sich bislang nicht zum Fragebogen und zur danach folgenden Sicherheitsüberprüfung. Eine Interviewanfrage unserer Redaktion sagte Stefanie Hegels, Geschäftsführerin von VW Osnabrück, ab. Unklar ist, wie lange der Prüfungsprozess insgesamt dauern wird. Die Ergebnisse der Fragebogenaktion dürften in wenigen Wochen vorliegen. Der große Sicherheitscheck durch das Bundeswirtschaftsministerium könnte acht bis zwölf Monate dauern, schätzt Betriebsratschef Placke. Es wird also noch Monate dauern, bis Klarheit herrscht, wer in die neue Rüstungsfirma wechseln darf und auch will. Erst dann, so heißt es aus dem Werk, könne die eigentliche Transformation beginnen. Erst dann erfahren die Mitarbeiter, welche Produkte sie herstellen sollen. Erst dann können die konkreten Planungen für den Umbau des Werkes und die Qualifizierung der Mitarbeiter beginnen.(NOZ, 27.10.2026)
Schöne neue Arbeitswelt – Traum oder Alptraum?
