Autoindustrie: CDU forciert Unterbietungswettbewerb

Die Arbeiterinnen und Arbeiter von Volkswagen in Zwickau, Chemnitz und Dresden sowie tausende Beschäftigte in der Zulieferindustrie sorgen sich um ihre Arbeitsplätze. Volkswagen hat die Belegschaft bereits um tausende Beschäftigte reduziert, will die Werke schließen, um selbst geschaffene und teure Überkapazitäten abzubauen – statt auf kollektive Arbeitszeitverkürzung und auf andere Produkte für nachhaltige Mobilität zu setzen. Auch Sachsens MP Kretschmer sorgt sich um das VW-Werk in Zwickau – kommt aber zu völlig falschen Schlussfolgerungen.

CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer als Geisterfahrer

O-Ton Kretschmer:

„Mit der AutoUnion nehmen wir das Schicksal der sächsischen Standorte selbst in die Hand. Wir wollen Zwickau zu einem der wettbewerbsfähigsten und innovativsten Standorte in Europa weiterentwickeln. Eine neue Gesellschaft übernimmt das Werk. VW und weitere Beteiligte sollen Gesellschafter werden.“ Das Land Sachsen selbst will sich nicht beteiligen, sagt er mit Seitenhieb auf das VW-Gesetz und das Land Niedersachsen: Die Beteiligung des Landes Niedersachsen am Volkswagen-Konzern habe in den vergangenen Jahren dazu beigetragen, dass politische Opportunitäten statt ökonomische Vernunft häufig den Ausschlag für Entscheidungen gegeben hätten. „Das wollen wir mit der Auto Union Sachsen nicht wiederholen. Es muss schon darum gehen, dass die private Wirtschaft die Dinge vorantreibt“, sagte Kretschmer in völliger Verkennung der ökonomischen Situation.

Seine wichtigsten Punkte: Arbeitszeit und Tarifverträge werden neu geregelt. Also die Arbeitszeit verlängert und der Lohn gesenkt.

Nochmal O-Ton Kretschmer: „Das Zukunftskonzept AutoUnion GmbH kann nur funktionieren, wenn Volkswagen, die Gewerkschaft und die Bundespolitik Hand in Hand arbeiten.“

Die FAZ berichtet: Die neu zu gründende Auto Union Sachsen GmbH solle dafür das Werk in Zwickau übernehmen, heißt es. Um als eigenständige Gesellschaft zu international wettbewerbsfähigen Kosten produzieren zu können, macht Kretschmer Vorschläge für ein neues Arbeitszeitmodell. Die derzeit rund 8000 Beschäftigten im Werk in Zwickau müssten beim Übergang von Volkswagen Sachsen in die Auto Union Sachsen zumindest mittelfristig Abstriche machen. Steuerfreie Abfindungen, wie sie die Bundesregierung ermöglichen will, sollen Lohneinbußen zum Teil kompensieren. „Wenn sich die Situation verbessert, wird man auch wieder über andere Löhne sprechen können“, sagte Kretschmer. Als hätte er Ahnung von Produktion, so heißt es in seinem Vorschlag an Volkswagen: „Etwaige anfallende Nacharbeiten müssen dem Verursacher schichtbegleitend zugeordnet und nach dem Verursacherprinzip belastet werden.“

Und schließlich: „Wettbewerbsfähigkeit heißt, wir müssen zu den gleichen Produktionskosten wie in Bratislava oder Breslau kommen.“

Das ist keine Industriepolitik, die erfolgreich sein kann.

Die Idee von Kretschmer ist ein giftiges Geschenk für die Arbeiterinnen und Arbeiter, für Gewerkschaft und Betriebsrat: sie sollen weiter Autos für Volkswagen bauen und Profit für die Großaktionäre erwirtschaften, aber „freiwillig“ ihre Arbeitszeit verlängern und dafür weniger Lohn bekommen. Das kann nicht funktionieren, weil die Überkapazitäten damit nicht abgebaut werden, sondern nur der Unterbietungswettbewerb zwischen den Standorten beschleunigt wird – abgesehen davon, dass es in Wrocław (Breslau) gar kein Werk von Volkswagen gibt. Und die Idee kann nicht funktionieren, weil die Löhne zum Beispiel in Rumänien und in Indien noch geringer sind.

Die Handschrift der Unternehmensberater und die widerspruchsfreie Betriebsgemeinschaft

Auf die Auto-Tradition in Sachsen und die Rolle der ehemaligen Auto Union AG hatte Kretschmer im September 2026 im Landtag Bezug genommen und die Gründung einer neuen Auto Union gefordert. Unter diesem Namen hatten sich in einer ersten Konsolidierungsphase auf Druck der Banken 1932 die vier Marken Audi, DKW, Horch und Wanderer zusammengeschlossen. Seinen Firmensitz hatte das Unternehmen ursprünglich in Zschopau. Heute gilt die Auto Union mit ihren vier Ringen als ein Vorläufer von Audi.

Jetzt greifen Kretschmer und die CDU tief in die Trickkiste der Unternehmensberater, die auch den Konzernvorstand bei seinen samt und sonders gescheiterten „Zukunftsplänen“ beraten haben: Die Initiative von Kretschmer zeige deutlich, „dass die Industrieproduktion in Deutschland eine Zukunft hat, sobald neuer Mut bewiesen wird.

Der Mut bestünde dann in „Verantwortungskultur, Zukunftstechnologien und Wettberwerbsfähigkeit“. Vorgeschlagen werden die Rezepte von vor 30 Jahren: Teilautonome Teams, flache Hierarchien, Mikroelektronik und – ganz aktuell – humanoide Robotik sowie als Eingriff in die Tarifautonomie „ein neuer tariflicher Rahmen, steuerbegünstigte Wechselanreize und höchste Prozessqualität“. Der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU in Sachsen sagt dazu: „Der Strukturwandel in der Automobilindustrie erfordert jetzt kein Klein-Klein, sondern echten Innovationsmut. Das Konzept der AutoUnion Sachsen zeigt, wie wir im internationalen Wettbewerb bestehen können. Der Schlüssel liegt dabei nicht in einem Abwärtsstrudel niedrigster Löhne, sondern in maximaler Produktivität, technologischer Exzellenz und einer neuen Kultur partnerschaftlicher Verantwortung zwischen Belegschaft, Unternehmen und Politik.“

Die IG Metall begrüßte grundsätzlich das Engagement des Ministerpräsidenten und lehnte zugleich jegliche Einmischung in die Tarifautonomie ab. Ein Kollege schrieb mir dazu: „Kretschmers Vorstoß mag gut gemeint sein, birgt aber erhebliche Risiken für die gesamte VW-Belegschaft: Eine eigenständige Gesellschaft mit schlechteren Tarifbedingungen könnte einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen und den Zusammenhalt der Standorte schwächen. Statt die Werke gegeneinander auszuspielen und weitere Zugeständnisse von Beschäftigten zu verlangen, braucht es verbindliche Produkt- und Investitionszusagen für alle Standorte.“

Wenn Volkswagen diese Zusagen nicht geben will und die Fabriken in Sachsen loswerden möchte, dann sollten die vergesellschaftet werden. Es geht um andere Produkte, eine andere Produktionsweise, um wesentlich mehr Mitbestimmung der Beschäftigten und ihrer gewerkschaftlichen und betrieblichen Vertretung, der Kommunen und des Landes. Höchste Zeit auch für eine kollektive Arbeitszeitverkürzung statt weiterem Personalabbau.

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