In Osnabrück soll aus einem traditionsreichen VW-Standort ein Produktionsort für die Rüstungsindustrie werden. Für Stephan Krull ist das mehr als ein wirtschaftlicher Kurswechsel. Der frühere VW-Betriebsrat sieht darin eine politische Entscheidung zugunsten militärischer Produktion – und gegen zivile Alternativen.
Im Interview mit https://www.freitag.de/ kritisiert Krull die Rolle des Landes Niedersachsen und die Haltung der IG Metall. Er warnt vor Folgen für die Beschäftigten und für das Selbstverständnis Osnabrücks als Friedensstadt.
der Freitag: Herr Krull, sind Sie froh, dass Sie nicht mehr bei Volkswagen arbeiten?
Stephan Krull: (lacht) Ja und nein, ich bin Rentner und lebe fröhlich vor mich hin, deshalb bin ich froh – aber mit vielen lieben, netten Kolleginnen und Kollegen habe ich gern gearbeitet. Und jetzt müsste ich Rüstungsgüter produzieren. Das VW-Werk in Osnabrück wird zur Rüstungsfabrik. Ich beneide die, die dort arbeiten, gar nicht. Das wird nicht schön werden!
VW spricht von einem „ersten Ankerprojekt“, von einem „Kompetenzzentrum für Sicherheits- und Verteidigungslösungen“. Man habe zusammen mit dem Land Niedersachsen und Aurelius Capital „Eckpunkte für einen Verkauf der Volkswagen Osnabrück GmbH“ vereinbart. Kennen Sie diese Eckpunkte?
Der Finanzinvestor Aurelius und das Land Niedersachsen wollen zusammen mit Rafael Advanced Defense Systems eine Rüstungsfabrik aufbauen. Aurelius steigt als Finanzinvestor mit 500 Millionen Euro ein, das Land Niedersachsen mit 200 Millionen. Rafael ist ein staatliches israelisches Rüstungsunternehmen, das vor allem für hochentwickelte Luftverteidigungssysteme bekannt ist. Dieses Konstrukt ist gewählt worden, weil die Staatsholding von Katar an VW beteiligt ist. Die hatte Widerspruch dagegen eingelegt, dass VW selbst mit einem israelischen Rüstungsunternehmen Raketenteile produziert. VW ist deshalb ausgestiegen – und Niedersachsen wird Rüstungsproduzent. Dass der Staat in die Rüstungsindustrie einsteigt, ist neu.
Jede Rüstungsfabrik ist ein Hochsicherheitstrakt. Die Außensicherung des Werks wird verstärkt, mit Kameras und Zäunen
Worauf müssen sich die VW-Mitarbeiter in Osnabrück einstellen?
Es wird viel aussortiert. Von 2025 noch 2.500 Arbeiterinnen und Arbeitern, 2.300 Angestellten plus 200 von Fremdfirmen, sind jetzt nur noch 1.800 übrig, und anvisiert werden für die Rüstungsproduktion 1.200 Personen. Die anderen werden aussortiert, mehr als die Hälfte. Und die, die übernommen werden, arbeiten in einem Hochsicherheitstrakt. Jede Rüstungsfabrik ist ein Hochsicherheitstrakt. Die Außensicherung des Werks wird verstärkt, mit Kameras und Zäunen. Ich war jüngst in Kiel und habe mir den ThyssenKrupp Marineservice angesehen. Schon von Weitem warnt ein Schild: „Vorsicht Schusswaffen“ …
Die jetzigen VW-Mitarbeiter werden also nicht mehr zu VW gehören?
Genau, sie werden in der neuen Firma eingestellt, und ob sie ihre guten Konditionen behalten, bezweifle ich. In jedem Fall werden die Mitbestimmungsrechte für Gewerkschaft und Betriebsrat eingeschränkt. Dazu kommt, dass diejenigen, die weiterbeschäftigt werden sollen, mehreren Sicherheitsüberprüfungen unterzogen werden. Nicht nur der Militärische Abwehrdienst (MAD) wird sie durchleuchten, auch der israelische Geheimdienst Mossad. Dann können sich Menschen, die aus Russland oder nordafrikanischen Ländern eingewandert sind, ausrechnen, dass sie dort nicht weiter beschäftigt werden.
Wie gut kennen Sie den VW-Standort Osnabrück?
Ganz gut, es ist ein kleiner Betrieb, er gehört seit 15 Jahren zu Volkswagen. Vorher war dort die Wilhelm Karmann GmbH angesiedelt, die hatte hauptsächlich für Volkswagen produziert. Im Zuge der Konzentration der Automobilindustrie wurde der Betrieb vor gut 15 Jahren von Volkswagen übernommen. Karmann war insolvent und hat keine Kredite mehr bekommen. Volkswagen kaufte für 40 Millionen, obwohl das Grundstück allein mehr wert war.
Die IG Metall handelt nach dem Motto: ‚Besser Rüstungsindustrie als gar nichts‘
Wie ist dort jetzt die Stimmung?
Unterschiedlich. Die Arbeiter sind ja nicht gefragt worden, ob dort Rüstung produziert werden soll oder Autos. Viele sind froh, überhaupt die Chance auf einen Job zu haben – aber viele sind auch nicht froh.
Die Gewerkschaft scheint sehr still geworden in der Frage. Anscheinend ist man sich einig, dass Beschäftigung in der Rüstungsproduktion besser ist als Arbeitslosigkeit im Frieden. Wird deshalb der Verkauf an den israelischen Investor stillschweigend hingenommen?
Die IG Metall kümmert sich darum, dass ihre Mitglieder in Arbeit bleiben, nach dem Motto: „Besser Rüstungsindustrie als gar nichts.“ Das hängt auch mit grundsätzlichen Positionen zusammen. Die IG Metall hat im Zuge der sogenannten Zeitenwende eine gemeinsame Position mit dem Bundesverband Sicherheits- und Verteidigungsindustrie entschieden, sich auch für Rüstung zu engagieren. Das ist die offizielle Position der IG Metall. Und die steht im Widerspruch zu den programmatischen Grundsätzen: Frieden, Völkerverständigung, Abrüstung und Solidarität. Es ist ein Spagat.
Es wird immer nur für den Frieden gerüstet, am Ende ist es aber der Krieg, in dem sie eingesetzt werden
Nun würden die Regierung und die Gewerkschaft entgegnen, dass sie natürlich für den Friedenserhalt in Rüstung investieren …
Sicher, das war die Rhetorik zu allen Zeiten. Es wird immer nur für den Frieden gerüstet, am Ende ist es aber der Krieg, in dem sie eingesetzt werden. Rüstungsgüter verschleißen nur im Krieg, und wenn man neue produzieren will, um die Wirtschaft am Laufen zu halten, müssen sie auch mal eingesetzt werden.
Sie sprechen vom berüchtigten militärisch-industriellen Komplex?
Ja. Rüstung rechnet sich nur, wenn Waffen im Krieg eingesetzt werden. Unternehmen und Regierungen sagen immer, es gehe um die Sicherung des Friedens, egal ob Russland, USA, Deutschland oder Israel – das Ergebnis ist dann aber doch Krieg. Und im Kriegsfall wird eine Rüstungsfabrik zur Angriffsfläche.
Hätte man das abwenden können?
Wir hatten seitens der Rosa-Luxemburg-Stiftung vorgeschlagen, in Osnabrück den öffentlichen Personenverkehr auszubauen.
Eine Studie untersuchte die Produktion von Kleinbussen statt Kriegsgerät, Untertitel „Potenziale einer Konversion des VW-Werks Osnabrück“.
In Osnabrück sind Kleinbusse produziert worden, für die VW-Tochter MOIA. Im kleinen Stil wurden ein paar hundert richtig schöne Fahrzeuge gebaut, Ridepooling-Busse für smarte Personenbeförderung.
Ridepooling nennt man einen flexiblen Rufbus-Service ohne festen Fahrplan.
Der Bedarf in ländlichen Regionen ist hoch. Alle Arbeitsplätze hätten erhalten werden können – ohne die Produktion von Waffen. Die IG Metall stand dem deshalb nicht ablehnend gegenüber.
Aber?
Die Gewerkschaft hat das nicht entschieden.
Und das Land Niedersachsen wollte nicht mitmachen?
Sie haben sich anders entschieden. Die Rüstungsfabrik beschlossen haben VW, Aurelius, Rafael und Niedersachsen.
Die Kommunen sind unterfinanziert – und für Rüstungsproduktion gibt es unbegrenzt Geld, wie der Bundeskanzler gesagt hat. In friedliche zivile Produktion konnte, wollte das Land nicht einsteigen
Warum?
Mit zivilen Fahrzeugen können nicht so hohe Profite realisiert werden wie mit Rüstungsproduktion. Die Kommunen sind unterfinanziert – und für Rüstungsproduktion gibt es unbegrenzt Geld, wie der Bundeskanzler gesagt hat. In friedliche zivile Produktion konnte, wollte das Land nicht einsteigen.
Was wird ein Rüstungsstandort Osnabrück für die Stadt bedeuten?
Für die Stadt Osnabrück ist es eine wirkliche Zäsur. Sie trägt den Beinamen „Friedensstadt“. Dort wurde 1648 der Westfälische Friede geschlossen, das Selbstverständnis reicht bis hin zum Stadtlogo – und jetzt sollen dort Rüstungsgüter entstehen, die in allen möglichen Konflikten dieser Welt eingesetzt werden. Der Beiname „Friedensstadt“ ist nicht mehr haltbar. Wenn es zu einem Krieg käme, würde Osnabrück Ziel von Angriffen.
Sie haben sich in Ihrer Jugend gegen den Vietnamkrieg engagiert …
Die Gewerkschaftsjugend und viele andere Jugendverbände sind heute auch für den Frieden. Die Jugend protestiert gegen Wehrpflicht und Rüstung. In einem Antrag hat sich die IG Metall Jugend in Berlin gegen Wehrpflicht und gegen Militarisierung ausgesprochen. Ich glaube, die jungen Leute sind gar nicht so viel anders als wir in unserer Jugend. Ich bin da sehr bei den jungen Menschen.
Laut VW sollen „weitere industrielle Partnerschaften und Projekte“ folgen. Wird bald ganz Volkswagen ein Rüstungsbetrieb sein?
Ausgeschlossen ist das nicht. In Görlitz wurde aus einer Waggonfabrik eine Panzerfabrik. VW ist in der Nazizeit groß geworden, hat zur NS-Zeit nur für die Wehrmacht produziert.
Und in Berlin-Wedding wird ein ehemaliges Autozulieferungswerk Rheinmetall-Munition herstellen. Im Sommer 2025 wurde der Standort umbenannt in Rheinmetall Waffen Munitions GmbH. Wie wird das Werk in Osnabrück heißen?
Der Name steht meines Wissens bisher nicht fest.
Kann man die Rüstungsproduktion noch abwenden?
In Osnabrück wohl kaum, aber die Bemühungen um eine friedliche Zukunft müssen weitergehen! Wollen wir 200 Milliarden pro Jahr ausgeben für eine sozial gerechte Zukunft – oder für Rüstung und Kriegsvorbereitung? Wollen wir friedliches, sozial gerechtes Leben in unserem Land und zwischen den Ländern und Völkern? Wir müssen antimilitaristische Positionen stärken, wenn wir den Frieden und den Sozialstaat verteidigen wollen.
Hier veröffentlicht: https://www.freitag.de/autoren/katharina-koerting/vw-in-osnabrueck-ex-betriebsrat-kritisiert-deal-mit-israelischem-ruestungskonzern
