Volkswagen steht exemplarisch für die Autoindustrie in Deutschland. Der Konzern hat die Mobilitätswende boykottiert und statt preiswerter kleiner Autos nur große, teure Fahrzeuge produziert. Chinesische Autohersteller haben die deutschen Konzerne technologisch uneinholbar abgehängt.
Nun droht VW wieder seinen Beschäftigten und will den Einfluss des Betriebsrates zurückdrängen und die Stärke der IG Metall brechen. Der Konzern spricht vom Abbau von weiteren 50.000 Stellen und Werksschließungen in Zwickau, Emden, Hannover und Neckarsulm. Das ist ein Großangriff auf die Arbeiterinnen und Arbeiter sowie auf die Gewerkschaft. VW hatte erst Ende 2024 im Gegenzug für Lohnsenkung, Arbeitszeitverlängerung und die Zustimmung zum Abbau von mehr als 35.000 Stellen Werksschließungen und betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2030 ausgeschlossen.
Den Aktionären, voran den Familien Porsche und Piëch, reichen die Profite nicht – allein im ersten Halbjahr 2026 mehr als 3 Milliarden Euro. Deshalb will der Konzern wieder bei den denjenigen kürzen, die doch die Werte schaffen. Dabei hat VW in den letzten zehn Jahren 40 Milliarden Euro Dividenden an die Aktionäre ausgeschüttet und Gewinnrücklagen von 160 Milliarden Euro angehäuft.
Das nd berichtet sachlich und kommentierend über die Debatte und die Entwicklung bei Volkswagen und in der Automobilindustrie. Gerne dokumentiere ich dazu zwei Texte hier.
Stephan Kaufmann schreibt am 26.8. unter der Überschrift „Wofür VW tausende Stellen streicht“:
Der Autokonzern spart am Personal, trotz Milliardengewinnen. Als Grund wird die Rendite genannt. Sie sei zu niedrig. Was heißt das?
Volkswagen-Chef Oliver Blume tourte diese Woche durch die VW-Standorte, um die Belegschaften auf weitere Milliardeneinsparungen vorzubereiten. Ein Job-Abbau von 50 000 Stellen ist im Gespräch, obwohl die vorangegangene Sparrunde die Werkskosten bereits um rund ein Fünftel gesenkt hat. Warum ist das nötig? Schließlich machte VW im ersten Halbjahr 2026 etwa sechs Milliarden Euro Gewinn (vor Steuern). Laut Blume besteht das eigentliche Problem aber in der Rendite. Sie betrug zuletzt 3,8 Prozent, was VW laut Blume direkt in eine existenzielle Krise führt. Warum reichen 3,8 Prozent nicht? Die Antwort führt direkt ins Herz des Kapitalismus.
In der herrschenden Wirtschaftsform, so heißt es oft, geht es um den Profit. Das zentrale Maß allerdings ist die Rendite. Deren Höhe bestimmt, ob sich eine Produktion für Investor*innen lohnt und daher stattfindet oder eben nicht. Im Falle von VW geht es konkret um die Gewinnmarge oder Umsatzrendite, also darum, wie viel von den Einnahmen als operativer Gewinn übrig bleibt. Bei VW sind es derzeit 3,80 Euro von 100 Euro Umsatz. Dieser Wert soll durch Kostensenkung auf acht bis zehn Euro steigen – »ein Wolkenkuckucksheim«, nannte dies IG-Metall-Chefin Christiane Brenner.
Sieben Prozent sollten es schon sein
Warum reichen also 3,8 Prozent VW nicht? Erstens, weil vom operativen Gewinn noch einiges abgezogen werden muss, zum Beispiel Steuern, Zinsen oder Restrukturierungskosten.
Zweitens verlangen die Geldgeber – Banken, Aktionär*innen – marktübliche Renditen. Um als Anlageobjekt für sie attraktiv zu bleiben, muss VW seine Rendite steigern. Eine Berechnung der Bank UBS zeigt, dass die reichsten Haushalte in Deutschland in den vergangenen Jahren Renditen von über sieben Prozent pro Jahr erzielten. Dagegen fällt VW ab, was seinen Aktienkurs belastet und damit das Risiko einer Übernahme steigen lässt.
Drittens schließlich muss VW aus dem operativen Gewinn seine Investitionen finanzieren – und die sind absehbar riesig. Milliarden werden fortlaufend benötigt, um in E-Autos und Batterien zu investieren, in Software, digitale Fahrzeugplattformen und automatisiertes Fahren. Die niedrige Rendite lässt dafür zu wenig übrig und engt darüber hinaus die Möglichkeit für VW ein, Preisnachlässe für seine Modelle anzubieten, weil dies den Umsatz drückt, während die Ausgaben steigen.
Kurz: Die VW-Belegschaft soll billiger und profitabler werden, um die Ansprüche der Geldgeber zu bedienen und um den Konkurrenten Marktanteile abzujagen, was diese Konkurrenten ihrerseits zu Kostensenkungen bei ihren Belegschaften zwingt.
Das muss VW leisten. Das will es aber auch leisten, besteht sein Unternehmenszweck ja in der Vermögensmehrung seiner Eigentümer. Anders formuliert: Was die Aktionär*innen reicher macht, ist gleichzeitig ein Sachzwang in der Konkurrenz.
Raul Zelik schreibt am 27.8. unter der Überschrift „Die Stimmung kippt“ folgendes:
Unter den Autoarbeitern wächst der Unmut. Ein Brief von Mercedes Untertürkheim fordert von der IG Metall den Abschied von der Sozialpartnerschaft.
Nachdem die Sparpläne der deutschen Autokonzerne bisher auf vergleichsweise wenig Widerstand gestoßen sind, scheint die Stimmung in einigen Werken nun zu kippen. Bei Volkswagen, wo die Konzernleitung 50 000 Stellen streichen will und auch die Schließung der Werke Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm erwägt, zeigte sich das Anfang der Woche auf der ersten von neun anberaumten Betriebsversammlungen. Gesamtbetriebsrätin Daniela Cavallo erklärte, das Vertrauen des Betriebsrats in den Konzernvorstand sei »beschädigt«, und sie bezeichnete mögliche Schließungen als »Wahnsinn«. Inhaltlich widerspricht der VW-Betriebsrat vor allem der Behauptung der Konzernführung, wonach die Produktionskosten zu hoch seien. In Wirklichkeit machten »die Fabrikkosten nur ein Siebtel der Gesamtkosten eines Autos« aus, rechnete der Betriebsrat in einem Schreiben an die Beschäftigten vor. Selbst eine Halbierung der Personalkosten würde »die Gesamtkosten für ein Auto nur um etwa fünf Prozent senken«.
Der ehemalige VW-Betriebsrat Stephan Krull wies im Gespräch mit dem »nd« auch noch einmal darauf hin, dass der Konzern trotz einer vom Management verschuldeten Absatzkrise keineswegs am Hungertuch nage. VW habe im ersten Halbjahr 2026 immer noch 3,1 Milliarden Euro Profit gemacht, verfüge über Gewinnrücklagen in Höhe von 160 Milliarden Euro und habe im letzten Jahrzehnt insgesamt 40 Milliarden Euro als Dividende an die Aktionär*innen ausgezahlt. »Diese riesige Menge Geld könnte locker in eine Transformation hin zu einem modernen Mobilitätsunternehmen investiert werden«, so Krull. Das Problem sei allerdings, dass die Gewerkschaftsführung bislang keine eigenen, selbstbewussten Ideen entwickele.
Rebellion bei Mercedes
Noch aufgeheizter scheint die Stimmung bei Mercedes in Stuttgart-Untertürkheim zu sein. Die Konzernführung hatte dort unlängst ein Sparprogramm vorgelegt, über das selbst der öffentlich-rechtliche SWR mutmaßte, es solle offenbar Beschäftigte vergraulen. Der Unmut über die Pläne und die bisherige Reaktion der Gewerkschaften ist so groß, dass sich der gewerkschaftliche Vertrauenskörper auch öffentlich mit der IG-Metall-Führung angelegt hat.
»Wir sollen gezwungen sein, auch noch die letzte mies bezahlte Stelle anzutreten, wenn die Bosse unseren Job vernichten.«
Gewerkschaftliche Vertrauensleute bei Mercedes-Benz Untertürkheim
Bereits im Juni hatten sich die Vertrauensleute, also die gewählten, ehrenamtlichen Gewerkschaftsaktiven, im Untertürkheimer Werk mit einem aufsehenerregenden Brief zu Wort gemeldet. »Die Krise ist allgegenwärtig. Und die Bosse wollen uns dafür bezahlen lassen«, heißt es darin. »Auch die Regierung tut nichts für uns. Sie will den gesetzlichen Acht-Stunden-Tag abschaffen. Wir sollen länger arbeiten für das gleiche Geld oder sogar für noch weniger. Zusätzlich plant sie die ›Rente mit 70‹.«
In einem für deutsche Gewerkschaften unüblichen Ton schlugen die Vertrauensleute in ihrer Erklärung einen weiten politischen Bogen – von den Kürzungen bis zur militärischen Aufrüstung: »Wir sollen arbeiten, bis wir sterben. Das Bürgergeld wird zur sogenannten ›Grundsicherung‹. Wir sollen also gezwungen sein, auch noch die letzte mies bezahlte Stelle anzutreten, wenn die Bosse unseren Job vernichten. Das Gesundheitssystem wird kaputt gespart und medizinische Versorgung zunehmend zu einem Privileg für Reiche. Das Geld, was in den Sozialkassen durch die Sparmaßnahmen fehlt, fließt auch in die Aufrüstung. Unsere Jugend soll wieder für die Profite der Konzerne in den Krieg ziehen.«
Als die IG-Metall-Chefin Christiane Benner gemeinsam mit Peter Leibinger vom Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) und dem IG-BCE-Vorsitzenden Michael Vassiliadis im kapitalnahen »Handelsblatt« einen Gastkommentar mit dem Titel »Deutschland braucht Haltungsänderung – Kein Wohlstand ohne Aufbruch« veröffentlichte, legten die Mercedes-Arbeiter*innen Anfang August noch einmal nach. Mit ihrem Kommentar spreche die IG-Metall-Vorsitzende nicht im Namen der Kolleg*innen, erklärten die Gewerkschafter*innen in einem offenen Brief und forderten Benner zur Stellungnahme auf: »Warum erscheint dieser Kommentar nur wenige Tage nach der Untertürkheimer Resolution? Ist der Gastkommentar als bewusster öffentlicher Widerspruch zu der Positionierung aus unseren Betrieben gemeint?«
Besonders erbost zeigten sich die Mercedes-Beschäftigen über eine Formulierung im Kommentar, wonach im Land mehr geleistet werden solle. »Die Unternehmerverbände, die Bundesregierung und wir Beschäftigten verfolgen gegenwärtig offensichtlich sehr unterschiedliche Interessen«, so die Mercedes-Beschäftigten. »Sie wollen auf unsere Kosten ihre Profite sichern oder ausweiten. Wir dagegen wollen gute Arbeitsstandards erhalten, soziale Sicherheit, bezahlbaren Wohnraum, gute Bildung, Gesundheit und Frieden.« Damit sprechen sich die Gewerkschafter*innen, anders als die IG-Metall-Führung, auch offensiv gegen die Aufrüstungspolitik aus.
»Keine Angst vor Eskalation«
Der Brief fordert von der IG-Metall-Führung ein Bekenntnis zur 35-Stunden-Woche, die Verhinderung von »weiteren Differenzierungsklauseln im Tarifvertrag« und »keine Angst vor der Eskalation«. Die Beschäftigteninteressen könnten nur durch Arbeitskämpfe durchgesetzt werden. »Nur so können wir die Profitlogik dort zurückdrängen, wo sie unseren Arbeits- und Lebensbedingungen entgegensteht«, heißt es im Brief. Das sei auch ein unverzichtbares Mittel im Kampf gegen die AfD. »Die Menschen wenden sich nicht deshalb nach rechts, weil Gewerkschaften zu kämpferisch sind, sondern weil sie den Eindruck gewinnen, dass niemand ihre sozialen Interessen konsequent vertritt«, heißt es in Anspielung auf das Erstarken der extremen Rechten bei den Landtagswahlen im März in Baden-Württemberg.
Vor dem bundesweiten gewerkschaftlichen Aktionstag in der Automobilindustrie am 21. September steigt damit der Druck im Kessel. Für Peter Vlatten, der früher selbst der Vertrauenskörperleitung bei Mercedes Untertürkheim angehörte und heute im Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin aktiv ist, handelt es sich bei dem Brief um mehr als eine der üblichen Resolutionen. Untertürkheim gehöre historisch zu den kampfstärksten Betrieben der IG Metall und habe für die Branche oft eine Vorreiterrolle gespielt, erinnert der pensionierte Gewerkschafter im Gespräch mit dem »nd«. »Das hatte auch damit zu tun, dass eine linke alternative Liste im Betriebsrat viele Jahre eine Mehrheit hatte.« Vlattens Eindruck zufolge habe der Gewerkschaftsaktivismus im Betrieb zuletzt einen erfreulichen Aufschwung erlebt. »Im Vertrauenskörper sind heute 500 bis 700 Gewerkschafter aktiv. Das sind Arbeiter aus der Produktion. Und das ist auch der qualitative Unterschied zu anderen Erklärungen.«
Aus Sicht Vlattens ist in Untertürkheim Streikbereitschaft zu spüren. Das Problem sei allerdings, dass die IG-Metall-Führung bislang nichts unternommen habe, um Folgeaktionen für die Zeit nach den geplanten Protesttagen Ende September vorzubereiten. Genau davon hänge es jetzt jedoch ab, ob die Unruhe am Ende wieder in Frustration umschlage.
Der IG-Metall-Vorstand wollte sich zu der Kritik der Mercedes-Beschäftigten an ihrer Vorsitzenden nicht äußern. Die Debatte werde »intern geführt«, erklärte die Pressestelle der IG Metall auf Anfrage des »nd«.
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1202062.vw-sparprogramm-wofuer-vw-tausende-stellen-streicht.html
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1202102.gewerkschaften-mercedes-vw-die-stimmung-kippt.html
