Milliarden für den Porsche-Piëch-Clan

Volkswagen hat trotz Krise, Klimakatastrophe und Krieg glänzende Geschäfte gemacht.

»Auch im vergangenen Jahr haben wir unsere Widerstandskraft bewiesen«, sagte VW-Vorstandschef Herbert Diess am Donnerstag auf der diesjährigen Konzernhauptversammlung stolz gegenüber den Aktionären des Automobilmonopolisten. »Konzernweit konnten wir den Umsatz um zwölf Prozent auf 250 Milliarden Euro steigern, obwohl wir zwei Millionen Autos weniger gebaut haben als geplant«, freute er sich.

Der Gewinn des Autobauers stieg nach Steuern um 75 Prozent auf 15,5 Milliarden Euro, die Dividende wird von 4,80 Euro auf 7,50 Euro erhöht. Die Gewinnrücklagen betragen inzwischen 117 Milliarden Euro. Etwa 2,4 Milliarden Euro werden an die Aktionäre ausgeschüttet. Mit rund 4.000 Euro hat jeder der 650.000 Beschäftigten weltweit dazu beigetragen. Allein der Porsche-Piëch-Clan bekommt mehr als 1,2 Milliarden Euro überwiesen.

Möglich wurde diese sagenhafte Entwicklung durch von der Arbeitslosenversicherung finanzierte zehntausendfache monatelange Kurzarbeit – mit Mitteln im hohen dreistelligen Millionenbereich und durch die Fokussierung auf das Luxussegment. Die Gewinnbringer sind Audi und Porsche mit Umsatzrenditen von bis zu 16,5 Prozent. Die Produktion kleinerer Fahrzeuge wurden im Zuge des Chipmangels eingeschränkt, kleine Elektrofahrzeuge sind überhaupt nicht im Angebot und für frühestens 2025 angekündigt. Umweltverbände und kritische Aktionäre sprachen in diesem Zusammenhang vom »Verlust der Volkswagen-DNA«. Immer mehr »große, schwere und oft übermotorisierte Autos« seien mit Blick auf Energie- und Ressourcenverbrauch »der falsche Weg«, hieß es in einer BUND-Mitteilung am Donnerstag.

Die am Profit orientierte Strategie führt dazu, dass im größten Werk in Wolfsburg nur noch so viele Autos gebaut wurden wie vor 50 Jahren. Die Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter werden alle schon nicht mehr beschäftigt. Immer mehr Produktion wird ins Ausland verlagert, in China werden inzwischen auch fast 40 Prozent aller Fahrzeuge aus dem Konzern verkauft.

Diess kündigte an, der Zeitpunkt sei günstig, um Porsche eigenständig an die Börse zu bringen. Der Porsche-Piëch-Clan will dadurch noch mehr Einfluss auf den Konzern bekommen und die lästige Mitbestimmung des Betriebsrates loswerden. Die FAZ kommentierte am Mittwoch, der Kapitalmarkt habe Diess als »Hoffnungsträger« gesehen, »um VW effizienter zu machen und den Einfluss der Arbeitnehmer zurückzudrängen, den internationale Investoren als Bremsklotz wahrnehmen«. Die Unterstützung der Familien Porsche und Piëch habe Diess weiterhin.

Ein neuerlicher Anlauf in diesem Sinne ist der Bau einer E-Auto-Fabrik in Wolfsburg, in der ab 2027 nach dem Vorbild von Tesla in Grünheide die Produktivität enorm gesteigert werden soll. Das Land Niedersachsen und die Stadt sind schon bereit, Antragsfristen zu verkürzen und Bauvorschriften zu lockern. Wolfsburgs Stadtbaurat Kai-Uwe Hirschheide sagte im März, die Stadtverwaltung werde mit einem eigens aufgestellten »interdisziplinären Projektteam« eine »besonders effiziente und handlungsstarke Struktur schaffen, um das Vorhaben bestmöglich zu bearbeiten«.

Da es insgesamt aber um weniger Autos gehen wird, werden Beschäftigung, Einkommen und Steuereinnahmen sinken – Leistungsverdichtung und Stress in der Fabrik aber steigen. Um als einer der Sieger aus der verschärften Konkurrenz um kleiner werdende Absatzmärkte hervorzugehen, werden von Volkswagen weitere Kooperationen wie die mit Ford angestrebt. Auch deshalb war vom VW-Vorstand die fast dringende Bitte zu hören, nach Krieg, Pandemie, gestörten Lieferketten und trotz der Klimakatastrophe mit der weiteren Globalisierung und dem unbegrenzten Freihandel doch wieder zur alten Wirtschaftsordnung zurückzukehren. Eine längst überfällige Verkehrswende wird nur gegen solche Profitorientierung durchzusetzen sein.

Veröffentlicht in junge welt, 13.5.2022: https://www.jungewelt.de/artikel/426459.automobilbranche-milliarden-f%C3%BCr-porsche-pi%C3%ABch-clan.html

Nachtrag, 19.5.2022:

Volkswagen und Porsche: Ein kompliziertes Geflecht

Die Porsche Automobil Holding SE (Europäische Aktiengesellschaft) hat zu dem Artikel „Milliarden für den Porsche-Piëch-Clan“ (jw,13.5.2022) darauf hingewiesen, dass die Dividende von Volkswagen nicht an den Familien-Clan geht, sondern an die dazwischengeschaltete Porsche Automobilholding SE. Weiter schreibt der Vertreter der Porsche SE, „die 1,2 Mrd. Dividende sind von der Größenordnung grob falsch“. Tatsächlich beträgt die Dividende der Porsche SE 783 Millionen Euro auf Basis des gezeichneten Kapitals von 31,4 Prozent und nicht der Stimmrechtsanteile von 53,3 Prozent. Von den 783 Mio. entfallen gut 390 Mio. auf den Familienclan von Porsche und Piëch, ebenso viel auf die Eigentümer der Vorzugsaktien. Die Stammaktien werden ausschließlich von Mitgliedern der Familien Porsche und Piëch gehalten. Der Großteil der Vorzugsaktien wird von Investoren gehalten, die zu einem erheblichen Teil ihren Sitz außerhalb Deutschlands haben – das könnte auch Österreich sein, der Sitz der Porsches und Piëchs. Im Geschäftsbericht der Porsche SE heißt es u.a.: „Oberstes Unternehmensziel der Porsche SE ist die Beteiligung an Unternehmen, die mittel- und langfristig zur Profitabilität des Porsche SE Konzerns beitragen.“ Der eigentliche Zweck dieser Aktiengesellschaft nach europäischem Recht ist es, die Mitbestimmung nach deutschem Recht auszuhebeln. Bei Gründung der Porsche SE im Jahr 2007 waren noch „Arbeitnehmervertreter“ im Aufsichtsrat geduldet – 10 Jahre später wurde dieses Feigenblatt einvernehmlich abgeschafft: „Die Mitbestimmung bei der Porsche SE wird ausgesetzt“, sagte ein Sprecher des Unternehmens (Focus, 7.2.2017). Inzwischen hat die im Waldorfkindergarten und Rudolf-Steiner-Schule groß gewordene Generation der Urenkel von Ferdinand Porsche dort Platz genommen, unter anderem Peter Daniell Porsche und Stefan Piëch. Die Porsche SE verfügt über Gewinnrücklagen von 40 Milliarden Euro und gehört zu den Unternehmen, die nach Steuern einen höheren Gewinn (4,566 Mrd.) ausweisen als vor Steuern (4,565 Mrd.).

Da der VW-Konzern ein kompliziertes Geflecht ist, eine kurze Erläuterung: Die Porsche AG, bei der die Autos produziert werden, ist seit 2009 Teil des VW-Konzerns und nicht zu verwechseln mit der Porsche Automobil Holding SE, die, 2007 als Beteiligungsgesellschaft gegründet, seit 2009 Mehrheitsgesellschafterin der Volkswagen AG ist. Sie baute im Laufe der Jahre 2007 und 2008 die Beteiligung an VW mit dem Ziel aus, die Kontrolle über VW zu erlangen. Finanziert wurde der Übernahmeversuch über Bankverbindlichkeiten von 10 Milliarden Euro. Der Plan scheiterte an Finanzierungsproblemen. In Schritten bis zum 1. August 2012 übernahm Volkswagen stattdessen die Porsche AG. Mit ihren 53% Stammaktien hat der Familienclan schon eine große Macht bei VW, bei Porsche und allen anderen Töchtern (Audi, Skoda, SEAT, Lamborghini, Bentley, Bugatti, MAN, Scania und Ducati) – aber sie wollen die Macht vollständig. Business Insider schrieb im Dezember (9. 12. 2021): »An dem Gesamtkonzern hält die Familie Piëch und Porsche direkt und indirekt 53,3% der Stimmrechte. Dabei möchte es die Familie scheinbar nicht belassen, denn sie sehen sich im Aufsichtsrat durch Betriebsrats- sowie Bundeslandvertreter blockiert.« Das Vermögen des Clans wird auf über 50 Milliarden Euro geschätzt, sie gehören damit zu den reichsten Menschen in Europa.

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