Zur Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie
Ab Oktober verhandelt die IG Metall über die Entgelte für 3,8 Millionen Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie. Die Arbeitgeber haben ihre Forderungen gegenüber der Regierung, den Gewerkschaften und der Öffentlichkeit schon vorgebracht: »Alles, was Wachstum hindert, darf im Moment nicht gemacht werden« sagt der Bundesverband der Industrie. Gefordert werden, wie vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall auch: Arbeitszeitverlängerung, Lohnsenkungen und Zustimmung zu Personalabbau.
Die IG Metall diskutiert noch ihre Forderungen und sieht die wirtschaftliche Situation und die Lage von Betrieben differenziert, spricht von vielen Betrieben in wirtschaftlicher Schieflage und Betrieben, denen es richtig gut geht. »Die Kunst wird sein, Tarifforderungen aufzustellen, die für alle passen«1, so Nadine Boguslawski vom IGM-Vorstand. In der Gewerkschaft sind deshalb auch Aufschläge für gut laufende Betriebe auf die absehbar geringe tarifliche Erhöhung im Gespräch. In der Juli/August-Ausgabe der Zeitung der IG Metall schreibt der Betriebsratsvorsitzende von Siemens Energy: »Entscheidend ist, dass wir die Industriearbeitsplätze sichern – dafür müssen wir alle ein Stück zurückstecken.« Schaut man in den aktuellen Geschäftsbericht von Siemens-Energy, dann wird dort stolz berichtet: »Wir haben Rekordwerte bei Auftragseingang, Umsatzerlösen und Profitabilität erzielt und verbesserten zugleich unsere Effizienz.« Und weiter heißt es: »Siemens Energy erwartet ein vergleichbares Wachstum der Umsatzerlöse von 14 bis 16 Prozent und eine Ergebnis-Marge zwischen 10 und 12 Prozent. Für den Gewinn nach Steuern erwartet Siemens Energy rund 4 Mrd. Euro.«
In »Schieflage« sind vielleicht Betriebe der Auto- und Zulieferindustrie wegen der Unterauslastung der Fabriken von VW, Mercedes und Ford, von Bosch, Conti und ZF. Aber die Unterauslastung ist der verweigerten Mobilitätswende, der falschen Modellpolitik und technologischem Rückstand gegenüber der internationalen Konkurrenz zuzuschreiben. Die »Schieflage« besteht überwiegend darin, dass die Eigentümer mit der Profitrate von vier Prozent nicht zufrieden sind. Dazu lohnt ein Blick in die Bilanzen der Unternehmen und die Gewinne aus dem ersten Halbjahr 2026: Zum Beispiel Volkswagen 3,1 Milliarden, Mercedes 2,5 Milliarden, Conti 1,1 Milliarden – von Gewinnrücklagen und üppigen Dividenden für die Eigentümer ganz zu schweigen. Insgesamt liegen die bundesweiten Einkommen aus Unternehmen
und Vermögen im Jahr 2025 deutlich über 800 Milliarden Euro und machen mehr als 25 Prozent des Volkseinkommens aus.
Verwirrend wird die Debatte, wenn die IG Metall einerseits einen bundesweiten Auto-Aktionstag am 21. September durchführt und einen »Kampf um jeden Arbeitsplatz« ankündigt, andererseits aber keine Ideen für alternative Produkte vorlegt und deshalb den geplanten Um1 G Metall: Tarifkommissionen beschließen Kündigung der Entgelt-Tarifverträge, rüstungen von Auto- in Rüstungsfabriken kaum widerspricht.4 Verwirrend wird es auch, wenn die Vorsitzenden von IG Metall, IG BCE und dem BDI am 26. Juni im Handelsblatt einen gemeinsamen Kommentar platzieren: »Es ist nun die Verantwortung aller, aus den ideologischen Gräben herauszukommen. (…) Alle werden dabei neu denken und über die Schatten ihrer Gewissheiten springen müssen. (…) Industrieverbände und Industriegewerkschaften
sind gemeinsam bereit für eine Agenda (…), die Kosten senkt (…) und Arbeitsvolumen und Produktivität erhöht.«
Die Arbeiterinnen und Arbeiter bei Volkswagen, Hochburg der IG Metall und Bastion für Mitbestimmung, stehen direkt im Feuer dieser Auseinandersetzung. Der »Zukunftstarifvertrag« vom Dezember 2024, mit dem die Arbeitszeit verlängert, die Löhne gesenkt und ein Personalabbau in der Größenordnung von 35.000 Stellen vereinbart wurde, ist schon wieder Geschichte. Zwar wurden die Fabrikkosten um 30 Prozent gesenkt – aber das reicht den Eigentümern nicht. Jetzt geht es um weitere 50.000 Arbeitsplätze und die angedrohte Schließung der Werke in Zwickau und Emden, in Hannover und Neckarsulm. Zwickau ist eines der modernsten Werke und aus Hannover wurde der Bulli zu Ford in die Türkei verlagert – nun »wundert« sich das Management, dass die Fabrik nicht ausgelastet ist. Die VW-Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo bestreitet nicht, dass VW »wirtschaftlicher« werden muss, und die IG Metall-Vorsitzende Christiane Benner reklamiert eine europäische Industriepolitik und fordert vom VW-Management eine Überarbeitung und genauere Erklärung der Abbaupläne.
Die Oberbürgermeister der betroffenen Städte schlagen Alarm und die Landesregierungen von Niedersachsen und Sachsen kämpfen jeweils für »ihre« Standorte und zum Teil gegeneinander. Der sächsische Wirtschaftsminister Panter fordert für Zwickau »eine faire Chance«, Ministerpräsident Kretschmer glaubt, die Arbeitszeitverlängerung sei ein gutes Standortargument und Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies schlägt vor, chinesische Autos in den unterausgelasteten Fabriken zu bauen. Knut Giesler, der IGM-Bezirksleiter aus NRW, reproduziert das Bild aus dem Kommentar im Handelsblatt, wenn er sagt: »In dieser Tarifrunde
müssen Arbeitgeber und Gewerkschaften über ihren Schatten springen.« Gleichzeitig warnt er die Arbeitgeber, ihre Forderungen nicht zu überziehen: »Durch solche Forderungen radiklisieren sie unsere Mitglieder. Das beobachten wir schon.« Einen anderen Akzent setzt Thorsten Gröger, der Bezirksleiter der IG Metall in Niedersachsen, und legt den Finger in die Wunde: »Ich will, dass die Beschäftigten, die Familien, die Standorte und Regionen im Mittelpunkt stehen – und nicht die Eigentümerfamilie.«
Er trifft damit den Kern, denn die Arbeiterinnen und Arbeiter sollen billiger und profitabler werden, um die Ansprüche der Anteilseigner, der Porsches und Piëchs zu bedienen. Das wiederum wird die konkurrierenden Unternehmen zu Kostensenkungen bei ihren Belegschaften zwingen, um im Konkurrenzkampf um Märkte und Marktanteile zu bestehen.
Allerdings sind es auch die Arbeiterinnen und Arbeiter, die den Profit der Unternehmen erwirtschaften – es liegt an ihnen und ihren organisierten Interessenvertretungen, die Standortlogik zu durchbrechen.
Zuerste veröffentlicht in https://www.express-afp.info/express-9-2026-erschienen/
