Das Jahr 2026 wird turbulent und für viele Menschen sicher dramatisch. Selbst ein großer Krieg ist nicht ausgeschlossen angesichts der Drohungen von Trump, der Kriegspolitik von Putin und anderen. Rüstung und Krieg bedrohen weltweit den Frieden, die sozialen Rechte der Menschen und die Umwelt. Den Arbeiterinnen und Arbeiter auch in Deutschland geht es an den Kragen bzw. an die Löhne und an die Jobs, an die soziale und damit auch an die physische Existenz.
Die absurde Debatte um Krankschreibungen und die Auflösung des 8-Stunden-Tages macht die Dimensionen deutlich. Die deutschen Leit- und Exportindustrien Auto, Stahl, Werkzeugbau und Chemie sind rasant auf Talfahrt. Jeden Monat werden 10.000 Arbeitsplätze in der Industrie in Billiglohnländer verlagert oder vernichtet.
Für die Autoindustrie liegen nun die Absatzzahlen für 2025 vor: Porsche minus 10 %, Mercedes minus 9%, Audi minus 3%, BMW minus 1,4% und Volkswagen minus 1,4% auf ohnehin niedriger Basis. Fabriken von Ford, Volkswagen und MAN, von Conti und Bosch schließen, werden verlagert, verkauft oder sind zwischen 50 bis 70 Prozent dramatisch unterausgelastet.
Der Absatz deutscher Hersteller in China ist drastisch eingebrochen (minus 20 %) und in den USA stark rückläufig – das wirkt sich inzwischen auf sinkende Gewinne auch der großen Konzerne aus. Alle Autohersteller und Zulieferer haben Personalabbau in Größenordnungen von zehntausenden Arbeiterinnen und Arbeitern angekündigt – mittelgroße und kleinere Zulieferer melden reihenweise Insolvenzen an1. Auch die IG Metall spricht inzwischen von Deindustrialisierung.
Die Zahl der Arbeiterinnen und Arbeiter in der Auto- und Zulieferindustrie sank von 840.000 im Jahr 2018 um mehr als 120.000 auf 720.000 – inzwischen auch bei den Endherstellern. Negative Auswirkungen gibt es selbstverständlich auf die vor- und nachgelagerten Bereiche der Stahlindustrie, des Werkzeugbaues und der Händler und Werkstätten. Der sinkende Absatz trifft überall auf steigende Produktivität, wodurch die Personalsituation nochmals verschärft wird.
Die Konkurrenz innerhalb der EU wie auch weltweit verschärft sich erheblich vor allem zu Lasten von Arbeitszeit, Arbeitshetze und der Erwerbseinkommen – mit der Folge weiter steigender Erwerbslosigkeit. Die Autoindustrie in Deutschland wird ihr Gesicht verändern und damit auch die schnell zunehmenden und sich zuspitzenden sozialen Kämpfe. Die Arbeitgeber und ihre Verbände haben die Sozialpartnerschaft längst über Bord gekippt.
Nun versucht die Bundesregierung von CDU/CSU und SPD, die sich Mobilität von morgen auch nur mit dem Auto vorstellen kann2, wieder mal, die Lage mit Subventionen für die Autoindustrie zu kitten – die Autobosse freut es und der Verband der Autoindustrie will noch viel mehr3. Gleichzeitig tut die Regierung nichts für den Fuß- und Radverkehr und veranlasst stattdessen, die Preise für den öffentlichen Verkehr einschließlich Deutschlandticket zu erhöhen. Die drei Milliarden Euro, die die Bundesregierung für den Kauf von 800.000 Autos spendiert, werden nichts ändern – die Absatzverluste in China und den USA können dadurch nicht ansatzweise ausgeglichen werden und der neokoloniale Blick der Autobosse nach Afrika und Südamerika wird auch nicht helfen. Die Zeit von exorbitanten Exportüberschüssen ist unwiederbringlich vorbei. Und das ist im Grunde auch gut so, weil diese deutsche Exportwalze zu einem guten Teil zur Klimakatastrophe, zur Übernutzung von begrenzten Ressourcen und zu den ökonomischen Verwerfungen beigetragen hat, die uns jetzt auch die Füße fallen. Mit Millionen Autos wurden seit vielen Jahren die Verschuldung und Erwerbslosigkeit in andere Länder exportiert – zugunsten hoher Profite der Eigentümer und relativ guter Löhne der Stammarbeiter in den Betrieben der großen Konzerne.
Das Ende der aggressiven Exportpolitik könnte und sollte Ausgangspunkt für ein grundsätzliches Umdenken, ein Reset unserer Gesellschaft sein: Wie und wofür wollen wir leben und arbeiten?
Sinnvoller als die Subventionen für die Industrie von gestern wäre es, die Kommunen, das Bildungs- und Gesundheitswesen sowie den öffentlichen Verkehr zu stärken und auszubauen und auf sichere finanzielle Füße zu stellen. Damit einher gingen Investitionen in die Infrastruktur, in Rad- und Fußwege, Hochleistungsbussysteme und Straßenbahnen, in den Schienenfahrzeugbau, in Kindergärten, Schulen, Universitäten, Pflegeheime und Krankenhäuser – statt der hunderten Milliarden für die Hochrüstung. In Verbindung mit einer kollektiven Verkürzung der Zeit für Erwerbsarbeit auf zunächst 28 Stunden in einer Vier-Tage-Woche wäre so auch die rasant steigende Erwerbslosigkeit, die oft unfreiwillige Arbeit in Praktika, Teilzeit oder Minijobs von Jugendlichen und von Frauen zu überwinden.
Es ist keineswegs sicher, dass die deutschen Konzerne der Auto- und Zulieferindustrie in ihrer bisherigen Form weiter existieren werden – darauf deuten Verkäufe von Unternehmensteilen und Verschiebungen des Kapitals in Richtung Rüstung. Bemerkenswert in dem Zusammenhang, dass im Land Sachsen, um mehr Einfluss auf Unternehmensentscheidungen zu bekommen, ein Einstieg bei Volkswagen in Höhe von 500 Millionen Euro bzw. 1 Prozent Stammaktien ins Gespräch gebracht wird4 – beim aktuellen Aktienkurs und angesichts der Gewinnrücklagen sicher ein Schnäppchen.
Nach der Krise: Wie wollen wir leben und arbeiten?
Ein „Kampf um jeden Arbeitsplatz“, wie ihn die Gewerkschaften gegenwärtig an vielen einzelnen Standorten führen, ist selten erfolgreich – bestenfalls ein Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen, meist verbunden mit Lohnsenkungen und Arbeitszeitflexibilisierung wie, aktuell und nur als Beispiel, bei Brose in Würzburg5. Die rechten Kräfte von CDU, FDP und AfD propagieren, populistisch in den Betrieben der Auto- und Zulieferindustrie durchaus erfolgreich, ein „zurück zum Verbrenner“ und „Stolz auf den deutschen Diesel“ als Lösung aller Probleme. Für die eigentliche Herausforderung, den gesellschaftlichen Wandel zum öffentlichen Verkehr mit neuen Mobilitätsangeboten in den urbanen Zentren und den ländlichen Räumen zu gestalten, müssen Konzepte und Pläne konkret erarbeitet werden. Dass es auch so herum geht, zeigt der Kampf um den Standort bei Boge im rheinland-pfälzischen Simmern. Die Schließung des Autozulieferers ist vom Tisch, die chinesische Konzernmutter Zhuzhou Times New Material Technology verlagert die Fertigung von Eisenbahnersatzteilen aus China nach Simmern und investiert mindestens sieben Millionen Euro6. Das setzte die IG Metall in einem Transformationstarifvertrag durch – mit Beteiligung, fantasievollen Aktionen und Warnstreiks. Die Arbeiterinnen und Arbeiter bei Boge sind zu fast 100 Prozent gewerkschaftlich organisiert.
Ein ehemaliger Betriebsrat des Osnabrücker Volkswagenwerkes, dessen Zukunft höchst unsicher ist, bedankt sich erst mal bei Volkswagen und dem Porsche-Piëch-Clan, schließt dann folgerichtig solche wie bei Boge Veränderungen kategorisch aus: „Wenn ich noch im Betrieb wäre und mir garantiert ein Investor Rheinmetall so an die 10 Jahre Arbeit und das alte Entgelt – und kein anderer Investor weit und breit ist in Sicht: Das würde mich jedenfalls nicht dazu bringen, zu kündigen. Mich stört die Moralinsäuerlichkeit der Reisekader von ‚Robin Wood‘ alias ‚Rausmetall‘! Und der naive Ratschlag der Rosa-Luxemburg Stiftung, einen Industrie-Betrieb als Genossenschaft weiterzuführen: Sie sind Kindergarten und Takkatukkaland! Die so etwas propagieren sollen die VW-Kollegen in Ruhe lassen … und dann bitte: Tschüß.“7 Er spricht für eine Art falsche Konversion in Richtung Rüstung. Das ist kein Weg aus der Krise, weil Rüstung zu Lasten des Sozialstaates geht und die Gefahr eines Krieges heraufbeschwört. Aber was sollen die Arbeiterinnen und Arbeiter bei VW in Osnabrück denn machen, wenn die Großaktionäre den Betrieb nicht weiterführen wollen? Eine Übernahme durch Kommune und Land oder die Gründung einer Genossenschaft sind Wege für einen Neustart, für eine andere Produktion und für eine ganz andere Art zu arbeiten.
In Deutschland gibt es derzeit rund 1.350 gewerbliche Genossenschaften mit rund 370.000 Mitgliedern und einem Jahresumsatz von etwa 144 Milliarden Euro8. Man findet Sie z.B. in den Bereichen Dienstleistungen, Gesundheit, Handel, Einkauf, Handwerk sowie als Produktiv- oder Konsumgenossenschaften. Genannt seien hier beispielhaft das Krankenhaus in Spremberg als gemeinnützige Einrichtung9, die Energiewerke Schönau, die Genossenschaftsbanken, große Baugenossenschaften, Winzergenossenschaften oder die jüngste Genossenschaft aus dem Bereich des Profifußballs, die das Stadion des FC St. Pauli mehrheitlich übernommen hat10 – Rheinmetall oder Volkswagen oder die Allianz haben nie mehr einen Zugriff darauf. Mit der Gründung der ersten Genossenschaft im Profi-Fußball will der FC St. Pauli beweisen, dass eine andere Finanzierung möglich ist – ohne den Ausverkauf von Clubs und Mitbestimmung. Dafür wurden mit über 20.000 Einlagen insgesamt 29 Millionen Euro Anteile erworben – das Stadion gehört den Mitgliedern der Genossenschaft und den Fans.
Die systemische Krise kann nicht mit den alten, untauglichen Mitteln gelöst werden. Die Interessen des Kapitals sind nicht die letzte Instanz11, sondern die Bedürfnisse der Menschen, das Recht auf ein gutes Leben für alle. Zu erinnern ist an die Artikel 14/15 des Grundgesetzes, die eine Enteignung und Vergesellschaftung „zum Wohle der Allgemeinheit“ ausdrücklich vorsehen, zu erinnern ist an § 2 der Satzung der IG Metall12: Sie „setzt sich für die Sicherung und den Ausbau des sozialen Rechtsstaates und die weitere Demokratisierung von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, für Frieden, Abrüstung und Völkerverständigung ein“ und nennt als eine ihrer Ziele die „Überführung von Schlüsselindustrien und anderen markt- und wirtschaftsbeherrschenden Unternehmungen in Gemeineigentum.“
1https://www.lueneburgaktuell.de/artikel/die-krise-ist-nicht-nur-in-wolfsburg/, https://www.landeszeitung.de/lokales/lueneburg-lk/lueneburg/ueberraschender-rueckzug-yanfeng-schliesst-werk-in-lueneburg-und-verlagert-produktion-DKAF4H75JVEDHNZDBBE377Y6TM.html, https://luene-blog.de/ig-metall-schliessung-jungheinrich-lueneburg-tabubruch-politik/
2https://www.bmv.de/SharedDocs/DE/Pressemitteilungen/2026/001-schnieder-erweiterung-metropol-modellregion-mobilitaet.html
3https://www.vda.de/de/presse/Pressemeldungen/2026/260119_VDA-Kommentierung_E-Auto-Foerderung, https://www.waz-online.de/lokales/wolfsburg/vw-begruesst-e-auto-foerderung-bis-zu-6-000-euro-zuschuss-fuer-privathaushalte
4https://www.kapitalmarktexperten.de/volkswagen-aktie-sachsen-fordert-macht/
5https://wuerzburg.igmetall.de/ig-metall-wuerzburg-beschaeftigte-sichern-perspektiven-am-brose-standort/
6https://www.igmetall.de/im-betrieb/verlagerung-mal-andersrum—von-china-nach-simmern; https://www.labournet.de/internationales/china/wirtschaft-china/autozulieferer-boge-rubber-plastics-verlagerung-mal-andersrum-von-china-nach-simmern/; https://www.sozonline.de/2025/09/ersatzteile-fuer-ices-statt-autoteile/
7Flyer des BSW-Regionalverbandes Osnabrück im Archiv des Autors
8https://www.genoverband.de/mitglieder/gewerbliche-genossenschaften/
9https://www.krankenhaus-spremberg.de/unser-krankenhaus/foerderverein
10https://www.fcstpauli.com/verein/organisation/genossenschaft
11https://www.nd-aktuell.de/artikel/1196146.industriekonkurrenz-politologe-china-wird-die-usa-nicht-ersetzen.html?sstr=schmalz
12https://www.igmetall.de/download/20231222_IGM_Satzung_2024_232da4272e6e85e92c762acbccd45acb4569dafd.pdf
