Kommunen und Menschen in Not durch kapitalistische Misswirtschaft!
Heute: Bohai in Harzgerode. Weil Volkswagen als großer Abnehmer keine korrekten Preise zahlt und die Aufträge storniert, geht die Gießerei in Harzgerode insolvent? Minus 1.000 Arbeitsplätze bei etwas mehr als 7.000 Einwohner*innen – das rüttelt am Fundament dieser Kleinstadt.
Ein Arbeiter: „Wenn ein Riese wie Volkswagen sich in so einer kritischen Phase aus den Verhandlungen zurückzieht, wo bleibt da die soziale Verantwortung für die Menschen, die diesen Erfolg über Jahrzehnte erst möglich gemacht haben?“
Landrat und Bürgermeister: „Wir werden die Not von Harzgerode zurück nach Wolfsburg tragen, denn es geht um das Schicksal einer ganzen Region.“
Volkswagen will die Märkte überlisten. Die Zollpolitik der USA und den Technologievorsprung aus China will VW-Boss Blume listig hintergehen und sagt, man analysiere derzeit, „welche VW-Produkte aus China für Europa passen könnten“. Überkapazitäten überlisten? Geht das? It’s the economy, stupid! Ey Blume, dass reduziert keine Kapazität und auch keinen Technologievorsprung, sondern verlagert die falschen Produkte nur – sicher zu Lasten der Arbeiterinnen und Arbeiter in beiden Ländern. Genau das will das Management. Aber die Arbeiterinnen und Arbeiter, der Betriebsrat und die Gewerkschaft blicken das und lassen sich nicht auf so schmutziges Spiel ein. Solidarität statt Konkurrenz!
Die Begleitmusik ist mal wieder ein „Gewinneinbruch“ und der Bruch eines Vertrages mit der IG Metall zur Integration der sächsischen VW-Werke in die Volkswagen AG: Im ersten Quartal 2026 „nur“ 1,6 Milliarden Euro netto Gewinn (1.600.000.000 €). Gewinn ist, was übrig bleibt wenn alles bezahlt ist, das meiste davon geht an die Großaktionäre. Aber allein von 2019 bis 2023 machte der Konzern rund 70 Milliarden Euro Reingewinn und sitzt auf Gewinnrücklagen von 150 Milliarden Euro.
Im Quartalsbericht ist zu lesen: „Operatives Ergebnis mit 2,5 (2,9) Mrd. € rückläufig; darin enthalten sind Aufwendungen von rund 0,5 Mrd. € im Zusammenhang mit der Anpassung der Produktionsstrategie der Marke Volkswagen Pkw in den USA, die zur Einstellung der US-Produktion des ID.4 Mitte April 2026 führte.“ Der PKW-Absatzrückgang von insgesamt 4 Prozent setzt sich zusammen aus fast 20 Prozent aus den USA und 17 Prozent aus China. Bei den Nutzfahrzeugen beträgt das US-Minus gar 30 Prozent. Der Anteil der in Deutschland produzierten Fahrzeuge an der Gesamtfertigung des Volkswagen Konzerns lag bei 21 Prozent.
Abgesehen davon, dass 1,6 Milliarden Euro nach Steuern auch ne ganze Menge Kohle sind: Das heißt, ohne die Kosten für die Einstellung der Produktion des ID.4 in Chattanooga wären das operative Ergebnis und die Steuerzahlungen höher als im Vorjahr. Und vielleicht liegen am Ende des Jahres ja wieder ganz unvermutet ein paar Milliarden Euro rum, die vorher übersehen wurden – neben den fast 170 Milliarden Euro steuermindernden Gewinnrücklagen.
Am 4. Mai teilte Volkswagen der IG Metall mit, dass VW Sachsen nicht wie geplant zum 1. Januar 2027 in die Volkswagen Aktiengesellschaft integriert werden könne. Das Management erklärte den Termin nicht zu halten, weil zu viel Personal in der Personalabteilung abgebaut wurde – dabei hat sich der Konzern bereits 2021 in einem Tarifvertrag der Gewerkschaft gegenüber dazu verpflichtet.
„Wir reden hier nicht über juristische Kleinigkeiten und bloße Formalia. Dieser Vertragsbruch ist ein schwerwiegender Vertrauensbruch, mit dem der Volkswagen-Konzern auf Konfrontationskurs mit allen VW-Beschäftigten in Sachsen geht. Die IG Metall Berlin-Brandenburg-Sachsen fordert gemeinsam mit den VW-Kolleginnen und -Kollegen in Zwickau, Chemnitz und Dresden die Konzernführung auf, sich an die schriftlichen Vereinbarungen zu halten“, sagt dazu Jan Otto, Bezirksleiter der IG Metall Berlin-Brandenburg-Sachsen.
Die IG Metall organisiert den Protest
Die Mitteldeutsche Zeitung berichtet über die Insolvenz des Zulieferers Bohai: „Die drohende Schließung der Bohai-Werke trifft Harzgerode ins Mark. Der Rückzug von VW stellt hunderte Existenzen infrage. Zwischen Existenzängsten und Resthoffnung bangen die Mitarbeiter um ihre Jobs.“ Unter dem Motto „Arbeitsplätze erhalten – Zukunft sichern, Standort stärken“ ruft die IG Metall am Dienstag, 5. Mai, zu einer Kundgebung im Zentrum von Harzgerode auf. Die Arbeiterinnen und Arbeiter, die Familien und Unterstützer wollen gemeinsam ein starkes Zeichen für den Erhalt der Arbeitsplätze und die Zukunft des Standorts setzen. Im Mittelpunkt der Kundgebung steht die Sorge um sichere Beschäftigung und die wirtschaftliche Perspektive der Region. Die Teilnehmenden machen deutlich: Arbeitsplätze sind die Grundlage für Familien, Zusammenhalt und Zukunft in Harzgerode. Mit Plakaten und klaren Botschaften wie „Ohne uns keine Zukunft!“ fordern die Beschäftigten Verantwortung von den Entscheidungsträgern.
„Der Erhalt der Arbeitsplätze ist nicht nur eine Frage von Zahlen und Standorten, sondern von Menschen, Familien und einer ganzen Region“, erklärt Matthias Stickl von der IG Metall Halberstadt. Ziel der Kundgebung ist es, öffentlich sichtbar zu machen, dass Harzgerode eine Zukunft hat – wenn gemeinsam gehandelt wird.
Ein fast verzweifelter Arbeiter macht seinem Ärger Luft: „Ich sitze hier als Familienvater und als jemand, der jahrelang stolz auf seine Arbeit war. Die Nachricht, dass unser Standort Bohai Automotive und Schlote vor dem Aus stehen, ist ein schwerer Schlag. Aber mir geht es hier nicht mehr nur um die Politik oder die Weltlage, es geht mir um die Verantwortung eines Großkonzerns. Ja, wir sind nur ein Zulieferer und VW entscheidet nach Zahlen. Aber ist das wirklich alles, was zählt? Wenn ein Riese wie Volkswagen sich in so einer kritischen Phase aus den Verhandlungen zurückzieht, wo bleibt da die soziale Verantwortung für die Menschen, die diesen Erfolg über Jahrzehnte erst möglich gemacht haben? Es geht hier um unsere gesamte Region. Wenn dieser Standort stirbt, hängen da unzählige Existenzen dran … Das anliegende Schmelzwerk der Trimet, aber auch kleinere Unternehmen im Umkreis, Handwerker und unsere gesamte Gemeinde sind massiv gefährdet. Wir als Arbeitnehmer standen auch in harten Zeiten immer treu zu unseren Kunden. Es ist bitter zu sehen, dass diese Loyalität zur Einbahnstraße wird, sobald die Produktion im Ausland ein paar Cent billiger erscheint. Passt der Name „Volkswagen“ eigentlich noch zu einer Strategie, die scheinbar nur noch auf nackte Zahlen setzt, während ganze Landstriche hinten runter fallen? Ein Weltkonzern mit dieser Macht hätte die Chance, politisch gegenzusteuern und ein Vorbild für den Erhalt des Standorts Deutschland zu sein. Profit ist das eine, aber Vorbildfunktion und Menschlichkeit sollten in unserer Gesellschaft mindestens genauso viel wiegen.“
Nichts mehr zu verlieren?
Bürgermeister und Landrat sagen dazu: Wir Harzer sind nicht die dummen Schafe welche man zur Schlachtbank führt. Den geplanten Abbau von mehr als 700 Arbeitsplätzen bei den Automobilzulieferern Bohai und der Schlote-Gruppe in Harzgerode wollen der Landkreis Harz und die Stadt Harzgerode nicht kampflos hinnehmen. Deshalb stellen Marcus Weise, Bürgermeister der Stadt Harzgerode und Landrat Thomas Balcerowski sich hinter die Forderungen der IG Metall. Sie begrüßen ausdrücklich die Streikpläne, denn es gibt nichts mehr zu verlieren! Schließlich haben die Arbeiterinnen und Arbeiter in den jetzt massiv von der Schließung bedrohten Unternehmen seit Jahrzehnten hervorragende Arbeit geleistet, von denen der Weltkonzern VW profitiert habe – nicht zuletzt auch durch Lohnverzicht der hochqualifizierten Beschäftigten und die permanente Wandlungsfähigkeit sowohl der Produktion als auch der außerordentlichen Qualität der in Harzgerode gefertigten Hightech-Produkte. „Wir werden die Not von Harzgerode zurück nach Wolfsburg tragen, denn es geht um das Schicksal einer ganzen Region,“ sagen Bürgermeister und Landrat.
Es gibt Insider, die nicht mehr daran glauben, dass der Konzern mit diesem Management überleben wird. Es gibt Insider, die offen kritisieren, dass das „System Volkswagen völlig überorganisiert“ ist, zu viele Schnittstellen, zu viel Overhead.
Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Bei Volkswagen muss sich vieles ändern, umwegen der Konkurrenz im Kapitalisms zu überleben. Aber es braucht nicht mehr Profit, der an die Eigentümer ausgereicht wird, sondern eine ganz andere Produktstrategie. Zum Beispiel: Statt Verkauf der Fabrik in Osnabrück an einen Rüstungskonzern den Bau von kleinen smarten Bussen für den öffentlichen Verkehr in ländlichen Regionen. Überhaupt den Bau von kleinen, preiswerten Autos entsprechend dem tatsächlichen Bedarf. Das geht mit diesen Eigentümern, mit den Familien Porsche und Piëch, offensichtlich nicht. Die führen ja gerade Krieg gegen die Arbeiterinnen und Arbeiter und gegen die Gewerkschaften. Gegen diesen Klassenkampf von oben hilft nur Klassenkampf von unten. Und es bleibt dabei: Dringend nötig ist ein sozial-ökologischer Umbau, kollektive Arbeitszeitverkürzung (kurze Vollzeit für alle) und eine Konversion hin zu nachgefragten kleinen und preiswerten Autos und zu Produkten für den öffentlichen Verkehr.
So wie Harzgerode geht es gerade vielen Kommunen und sehr vielen Menschen in den Städten und Regionen. Wenn die Arbeiterinnen und Arbeiter zusammenstehen und mit ihrer Gewerkschaft kämpfen, wenn die Einwohnerinnen und Einwohner sie unterstützen, wenn die Stadt und das Land nicht tatenlos zusehen, dann gibt es Alternativen zur Insolvenz – mit den chinesischen Eigentümern im Fall Bohai oder ohne sie. Recht haben gewerkschaftliche Vertrauensleute von Volkswagen: Was der Vorstand nicht will und kann, können die Arbeiterinnen und Arbeiter selber und besser machen: sinnvolle und nachhaltige Produkte, gute Arbeit, soziale Sicherheit – ein gutes Leben für alle.
Mit Bertolt Brecht: In Erwägung, es will euch nicht glücken, uns zu schaffen einen guten Lohn, übernehmen wir jetzt selber die Fabriken – in Erwägung, ohne euch reicht’s für uns schon.
