Sind Uber, MOIA & Co. am Ende?

ÖPNV und Profit gehen nicht zusammen – Der öffentliche Verkehr gehört in die öffentliche Hand! MOIA stellt Betrieb in Hannover ein und reduziert stark in Hamburg.

Jeder Euro, der in Busse, Regionalzüge oder Straßenbahnen investiert wird, bringt der deutschen Volkswirtschaft einen Nutzen von drei Euro – so das Ergebnis einer Studie1. Dieses Geld schafft Jobs und sorgt für Umsätze anderswo. Rund 12 Milliarden Euro nehmen die Betriebe des ÖPNV pro Jahr an verkauften Fahrkarten ein. Jeder investierte Euro in Bus und Bahn zahlt sich wirtschaftlich, sozial und ökologisch mehrfach aus, wie die Studie zeigt. Rund 25 Milliarden Euro betragen die jährlichen Betriebskosten. Doch dem gegenüber steht eine volkswirtschaftliche Wertschöpfung von rund 75 Milliarden. Diese Bilanz zeigt: Investitionen in den ÖPNV zahlen sich mehrfach aus – für gute Arbeit, Umwelt und Lebensqualität.

Obwohl der ÖPNV gesellschaftlich so wichtig und wertvoll ist, ist er chronisch unterfinanziert, viele Kommunen und einige Länder planen wegen fehlender Mittel eine Reduzierung des Angebots. Dennoch locken die 25 Milliarden Euro und die Aussicht auf mehr Profite private Unternehmen wie zum Beispiel Uber, aber auch die deutschen Autokonzerne Volkswagen mit MOIA und Mercedes und BMW mit Free Now, die dem ÖPNV Konkurrenz machen und den Fahrgästen mehr Geld aus der Tasche ziehen wollen. Das Personenbeförderungsgesetz wurde zu diesem Zweck nach den Wünschen der Unternehmen geändert.

Einhundert Fahrzeuge von MOIA oder 10.000 „autonome“ Shuttles?

Der Shuttle-Dienst MOIA ist seit 2016 ein Tochterunternehmen des VW-Konzerns mit einem Ridepooling-Angebot in Hamburg, kurzzeitig auch in Hannover. Grundlage ist ein Vertrag von 2016 mit der Stadt Hamburg – Grüße an den damaligen Bürgermeister Olaf Scholz2. „Der Volkswagen Konzern will Hamburg dabei unterstützen, sich den Herausforderungen einer modernen europäischen Metropole zu stellen und am Standort Hamburg anhand von Projekten zeigen, wie hierdurch auch ein Beitrag zur Verbesserung der Luftqualität und zum Klimaschutz durch die Automobilindustrie geleistet werden kann.“ Der damalige Verkehrssenator äußerte sich so: „Innovationen sind entscheidend, um die Mobilität in Hamburg umweltfreundlicher, leiser und sicherer zu machen. Ridesharing-Dienste schließen die Lücke zwischen Taxi und öffentlichem Nahverkehr – Einzelfahrten werden reduziert, der Stadtverkehr insgesamt entlastet.“ Das Verwaltungsgericht entschied 2019: „Die Genehmigung für MOIA sieht bis zu 500 Fahrzeuge vor, bevor nach einer Evaluation im Jahr 2021 über den Ausbau auf bis zu 1.000 Fahrzeuge entschieden wird. Ziel der Erprobungsgenehmigung ist es, Erfahrungen mit einem neuen Verkehrsangebot im gesamten Stadtgebiet zu sammeln. Die Begrenzung auf 200 Fahrzeuge zwingt zur Reduzierung des Erprobungsgebiets auf die innere Stadt. Dadurch wird eine sinnvolle Erprobung unmöglich.“ Das angehängte Projekt „We Share“ mit 1.000 zusätzlichen PKW von Volkswagen floppte von Beginn an. Der erste MOIA-Chef Ole Harms erläuterte die für ein privates Umnternehmen anmaßende Vision, nämlich „die Demokratisierung und das Neudenken von Mobilität – Den Menschen ihre Stadt zurückgeben!“ Bis 2025 sollte laut VW-Konzernstrategie daraus der weltweit führende Mobilitätsdienstleister entstehen. Seit 2019 bietet MOIA einen Fahrservice in Hamburg an. Ziel waren im vierten Quartal 2019 eine Million Fahrgäste zu bewegen – im ganzen Jahr 2024 waren es angeblich 2,5 Millionen Fahrgäste. Für das zurückliegende Jahr werden 2,3 Millionen Fahrgäste angegeben. Bis 2020 sollte das Angebot auf 40 Städte ausgerollt werden und einen Milliarden-Umsatz einbringen. Selbstbeschreibung: „Wir bei MOIA gestalten die Mobilität der Zukunft – sicher, autonom und gemeinsam mit Städten und ihren Bewohner*innen.“ Man wolle wirklich, so der Gründungschef Ole Harms ganz unglaubwürdig, die Zahl der Autos in den Städten senken. Man wolle die Lebensadern der Städte vor dem Infarkt bewahren.

MOIA betreibt sein Angebot in Hamburg seit Anfang 2023 unter einer neuen Konzession als eigenwirtschaftlicher Linienbedarfsverkehr und damit als Teil des Hamburger Nahverkehrssystems. Hinzu kommen Begleitstudien, die – von MOIA beauftragt – von zum Teil privaten Institutionen durchgeführt werden und sich eigentlich nur mit Szenarien beschäftigen3.

Hamburg, 23. Oktober 2023 – Bis zu 10.000 autonome Shuttles könnten 2030 auf Hamburgs Straßen unterwegs sein. Das sieht eine Vereinbarung des Bundesverkehrsministeriums mit der Freien und Hansestadt Hamburg vor. Mit einem modernen On Demand-Verkehrsangebot soll in der Hansestadt eine Mobilitätslösung geschaffen werden, die den klassischen ÖPNV aus Bus und Bahn um ein neues Produkt ergänzt und eine attraktive Alternative zum Pkw darstellt. Im Projekt ALIKE soll ein System mit autonomen Shuttles erprobt werden, die einfach per App gebucht werden können und den Fahrgast direkt abholen und ans Ziel bringen. Das System erfüllt strenge Sicherheitsanforderungen und soll auch überregional skalierbar und damit auch für ländliche Gebiete nutzbar sein. Ziel des Modellprojekts ist auch, die Akzeptanz von autonomen Fahrangeboten in der Praxis zu erforschen.

Das Bundesministerium für Digitales und Verkehr fördert das Projekt mit 26 Millionen Euro. Den Förderbescheid übergab Verkehrsminister Wissing im Beisein von Hamburgs Senator für Verkehr und Mobilitätswende Tjarks an das Projektkonsortium. Sechs Projektpartner haben sich in diesem Konsortium zusammengefunden: die HVV, die VW-Tochter MOIA, die Fahrzeughersteller HOLON und VW-Nutzfahrzeuge sowie das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) als Forschungspartner und die Hamburger Behörde für Verkehr und Mobilitätswende (BVM). Als Vision beschreiben sie die „Schaffung eines paneuropäischen Ridepooling-Dienstes im Sinne des Gemeinwohls.“

Hamburg, 20.3.2026 – „Der Betrieb von Linienbedarfsverkehren und Anruf-Sammeltaxiverkehren ist nicht kostendeckend möglich“ – so die korrekte Aussage des Hamburger Senats auf eine Anfrage in der Bürgerschaft. Die Einnahmen aus Zuschlägen und individuellen Fahrgeldeinnahmen machen nur einen kleinen Anteil der Betriebskosten aus. Und weiter sagt der Senat: „Genaue Angaben sind mit Rücksicht auf die Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse der Verkehrsunternehmen nicht möglich, da diese geeignet sind die Wettbewerbsposition der Verkehrsunternehmen zu verschlechtern.“ Genau das ist die Krux: Wie soll man gesamtwirtschaftlich denken und planen, wenn Teile der Verkehrsbetriebe privat und in Konkurrenz zu öffentlichen Verkehrsbetrieben funktionieren. Solche Kennzahlen, die einen Einblick in den Erfolg oder Misserfolg von On-Demand-Shuttles in Hamburg geben würden, gewährt MOIA seit drei Jahren nicht mehr.

In Hannover hat MOIA sein Angebot im Juli 2025 komplett eingestellt, und in Hamburg von einst 565 Fahrzeugen auf 100 Fahrzeuge pro Service-Stunde reduziert – nur 15 Fahrzeuge sind rollstuhlgerecht. MOIA berichtet stolz über den Service für mobilitätseingeschränkte Personen: „Besonders erfreulich ist, dass im vergangenen Jahr 2024 Rollstuhlfahrer den barrierefreien Service von Moia für 27.000 Fahrten nutzten. Zudem konnten schwerbehinderte Menschen und ihre Begleitpersonen Moia für 400.000 Fahrten kostenlos nutzen“, hieß es. Diese Zahlen unterstreichen den Bedarf und die Relevanz dieses speziellen Angebotes und macht gleichzeitig die Defizite im ÖPNV deutlich. Die Stadt Hamburg subventioniert diesen Betrieb mit 4,5 Millionen Euro pro Jahr.

Wie viele Fahrten führt MOIA eigentlich mit seinen Fahrzeugen in Hamburg zurück? Und wie viele Menschen mit ähnlichen Zielen teilen sich dabei ein Fahrzeug? Sie wollen natürlich Geld verdienen, ein profitables Geschäftsfeld schaffen. Um damit profitabel zu sein, geht es um die notwendige minimale Auslastung in den Fahrzeugen, aber dazu äußert sich das Unternehmen nicht. MOIA hat von Okt. 2024 bis Mitte 2025 dreimal massiv die Preise erhöht. Das hat natürlich Auswirkungen auf das Buchungsverhalten. Parallel zur Flottenreduzierung wurden die Servicezeiten eingeschränkt. Nachts eine Stunde weniger, am Wochenende auch ein Break.

Hoffnungsträger Autonome Shuttlebusse

Richtig stellt der Senat auch klar: „Beim Betrieb von On-Demand-Verkehren steht nicht im Vordergrund, eine besonders große Fahrgastzahl zu erreichen. Vielmehr ist das Ziel, in Verbindung mit dem traditionellen Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) insgesamt ein leistungsfähiges Mobilitätsangebot zu schaffen, in welches On-Demand-Verkehre sinnvoll ergänzend integriert sind.“ Dazu muss Ridepooling aber da angeboten werden, wo der ÖPNV noch schwach ist oder ganz fehlt – in dünnbesiedelten Regionen. Aber genau da fährt MOIA – nicht.

Die Idee des On-Demand-Verkehrs (Ridepooling) ist es eigentlich, Fahrten mehrerer verschiedener Personen mit ähnlichen Abfahrtsorten und Zielen zu bündeln – Besetzungsgrad ist der Fachbegriff dafür. Das ist ja der Unterschied zum Taxi. Aber genau über diesen Besetzungsgrad gibt das Unternehmen keine annähernd vollständige Auskunft und erlaubt keinen Blick in die Unterlagen. „Dem Senat wurde seitens von MOIA keine Auskunft über die Anzahl der Fahrten und zu dem Besetzungsgrad in den Jahren 2023 bis 2025 erteilt. MOIA verweist darauf, dass der durchschnittliche Besetzungsgrad (definiert durch die Überschneidung von zwei getrennt gebuchten Fahrten in einem Fahrzeug) aufgrund der umfassenden Bedienzeiten nur bedingt aussagekräftig ist.“

Im Dezember 2023 stellt sich durch eine Anfrage der Linken in der Hamburgischen Bürgerschaft heraus, dass der MOIA seit 2019 mehr als 140 Mal beim Arbeitsgericht verklagt worden ist4.

Autonome Shuttlebusse könnten, so der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), den ÖPNV wesentlich verbessern – besonders dort, wo klassische Angebote heute noch an ihre Grenzen stoßen. Die Idee: Kleine, automatisierte Shuttles übernehmen die letzte Meile zwischen Haustür und Haltestelle, während Bus und Bahn auf den stark nachgefragten Hauptachsen noch effizienter unterwegs sind. So könnten Umstiege einfacher, Wege kürzer und Fahrzeiten attraktiver werden – in der Stadt genauso wie im ländlichen Raum. Eine aktuelle Studie von DB, KIT, DLR und Prognos zeigt: Der größte Nutzen entsteht nicht durch einzelne autonome Fahrzeuge, sondern durch ihre kluge Einbindung in ein vernetztes ÖPNV-System. Denn privat organisierte Robotaxi-Flotten würden den Verkehr in Städten eher noch erhöhen. Autonome Shuttlebusse im Zusammenspiel mit Bus und Bahn dagegen können helfen, Mobilität besser zu verknüpfen und den Umweltverbund insgesamt zu stärken. Der VDV kritisiert die Ansätze der Autokonzerne, den ÖPNV zu verdrängen und neue Profitquellen zu erschließen, weil sie nicht zu weniger, sondern zu mehr Verkehr in den Städten führen in in ländlichen Regionen kein Problem lösen. Durch privatwirtschaftliche Robotaxis gäbe es bis zu 40 Prozent mehr Verkehr in den Metropolen, im ländlichen Raum würde nichts besser. Die Studie schlägt stattdessen vor, das Gesamtsystem des ÖPNV noch intensiver zu effizienten Netzwerken zu verbinden. Konkret bedeutet das: Autonome Shuttlebusse sind für das da, was in der Verkehrsbranche gern als letzte Meile beschrieben wird – für den Weg zwischen der Haustür und der nächst gelegenen Haltestelle.

Klar ist aber auch: Dafür braucht es Investitionen, Modellregionen und den politischen Willen, neue Angebote flächendeckend zu entwickeln. Das Potenzial ist groß – für bessere Mobilität, mehr Lebensqualität und einen attraktiveren ÖPNV für alle.

Mehr dazu nachzulesen im VDV-Magazin, woher auch das Titelfoto stammt: https://www.vdv-dasmagazin.de/hoffnung-auf-shuttlebusse…

1https://mcube-cluster.de/mcube-consulting-studie-wertschoepfung-oepnv/

2https://daten.transparenz.hamburg.de/Dataport.HmbTG.ZS.Webservice.GetRessource100/GetRessource100.svc/ae2c8f34-d93b-4ce6-af31-7110d7f121ae/Akte_744.6417-011.pdf

3https://www.moia.io/de-DE/blog/moia-begleitstudie und bereits abgeschlossen: https://www.ifv.kit.edu/downloads/211207_MOIA_Ergebnisbericht_Begleitforschung.pdf

4https://www.spiegel.de/wirtschaft/moia-vw-shuttledienst-landete-141-mal-vor-hamburger-arbeitsgericht-a-42110c02-54c0-4e9a-8fce-a3aabfacbee8

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