Eine nüchterne Börsen-Mitteilung des VW-Konzerns: „Auf Basis vorläufiger Zahlen hat die Volkswagen AG im Geschäftsjahr 2025 im Konzernbereich Automobile einen Netto-Cashflow in Höhe von rund 6 Milliarden Euro erzielt (2024: 5,0 Milliarden Euro). … Damit liegen die vorläufigen Kennzahlen wesentlich oberhalb der von der Volkswagen AG für das Geschäftsjahr 2025 erwarteten Werte von rund 0 Milliarden Euro.“ Der VW-Konzern steigert 2025 den Umsatz auf 320 Milliarden Euro und verbucht Gewinnrücklagen von fast 160 Milliarden Euro. Er wird das Jahr 2025 mit einem Überschuss von ca. sieben Milliarden Euro abschließen. Das macht gut 10.000 Euro pro Arbeiterin und Arbeiter im weltweiten Konzern.
Mehr Profit – weniger Lohn.
Vor einem Jahr hat das Management die Entlassung von 30.000 überflüssigen Arbeitsplätzen und die Schließung von drei Werken angekündigt. Das Unternehmen hat den „Zukunftstarifvertrag“ für beendet erklärt und die Gewerkschaft musste verhandeln. Im neuen Vertrag sind schmerzhafte Einschnitte beim Lohn und kollektive Arbeitszeitverlängerung vereinbart – das „Weihnachtswunder“ von Wolfsburg, so hieß es im Dezember 2024 romantisch verklärt. Im Verlauf des Jahres 2025 wurden tausende Leiharbeiter vor die Tür gesetzt, die Stammbelegschaft um 8.000 Arbeiterinnen und Arbeiter reduziert – und gleichzeitig 80 Sonderschichten an Wochenenden gefahren. Nun also das „Bonuswunder“ mit einem Geldzufluss von sechs Milliarden Euro. Natürlich haben die Erniedrigung der Arbeiterinnen und Arbeiter, der Lohnraub und die Verlängerung der Arbeitszeit wesentlich dazu beigetragen. Mit buchhalterischen Tricks sind Ausgaben von 2025 nach 2026 verschoben, Rückstellungen aufgelöst und Forderungen verkauft. Auf diese überraschende Weise sahnen die Aktionäre ab, allein der Porsche-Piëch-Clan fast eine Milliarde Euro.
Blamage für den Betriebsrat
„Wir möchten schon vom Unternehmen wissen, wie es zu diesem Zufluss gekommen ist“, sagt Flavio Benites, der Geschäftsführer der Wolfsburger IG Metall. Angesichts dessen fordert der Betriebsrat eine Prämie für die Arbeiterinnen und Arbeiter. Im Tarifvertrag von Dezember 2024 war vereinbart, dass nur das ehemalige Weihnachtsgeld als Bonus erhalten bleibt. Das ehemalige Urlaubsgeld, das eigentlich im Mai als Bonus folgt, sollte wegfallen. Diese Entscheidung war, so der inzwischen geschasste Personalvorstand Kilian, „ein gemeinsamer Beitrag, um Volkswagen in einem anspruchsvollen Umfeld zukunftssicher aufzustellen.“ „Wenn jetzt alle gemeinsam … derart gut abgeliefert haben, ist eine Anerkennungsprämie nur fair“, äußert bescheiden die Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo. Kryptisch hieß es im Mitteilungsblatt des Betriebsrates: „Ob das gelingt und in welcher Höhe, verhandeln Team Cavallo und der Vorstand. Einen Wasserstand könnte die nächste Betriebsversammlung am 4. März bringen“ – und verkündet bei eben dieser Betriebsversammlung: Das Management hat den Bonus mit einem gegen die IG Metall gerichteten juristischen Trick torpediert und eine Entscheidung vor der Betriebsratswahl in der nächsten Woche blockiert. Vollständiger kann die Aufkündigung der „Sozialpartnerschaft“ und die Blamage für den Betriebsrat kaum sein. „Golfsburg“ war einmal, die Immobilienpreise in der Region sind stärker gefallen als die Spritpreise in den letzten Tagen gestiegen sind.
Wegen sinkendem Absatz und der Umstellung auf E-Antriebe sind die Kapazitäten und die Anzahl der Ausbildungsplätze massiv reduziert, Ersatzarbeitsplätze werden kaum angeboten – außer in der Umstellung auf Rüstungsproduktion zum Beispiel im Werk in Osnabrück. Dem Management geht es scheinbar darum, die IG Metall in einem der am besten organisierten Betriebe zu beschädigen – gerade mit Blick auf die Betriebsratswahl. Gut ein Jahr nach der Ankündigung von Werksschließungen und Massenentlassungen „hätten sich Manager deutlich von den Prinzipien einer kooperativen Konfliktbewältigung entfernt“, sagt die Wolfsburger IG Metall.
Angst vor Arbeitsplatzverlust, trügerische Hoffnungen und Unverständnis über den harten Sparkurs einerseits und den „unverhofften“ Milliardenfund andererseits prägen Misstrauen, teils Frust, Wut und Skepsis der Arbeiterinnen und Arbeiter. Wieder ist die Rede von 20 Prozent Kostensenkung. Cavallo im Interview gestern (HAZ, 4.3.2026): „Klar ist auch, dass diese Effizienzprogramme nötig sind. Da gibt es keinen Dissens zwischen Arbeitnehmerseite und Vorstand.“
Die Belegschaft sieht sich belogen und betrogen. Das hat bei der Betriebsversammlung seinen Ausdruck gefunden und führt bei der in einigen Tagen stattfindenden Betriebsratswahl zu Sorgen bei der IG Metall. So viele gegen die IG Metall antretende Listen gab es bisher nie, keine von denen hat Kampfkraft oder Verhandlungsmacht. Dabei so alte wie die CGM, so windige Start-ups wie die „Gewerkschaft für Transformation“, die mit geringen Beiträgen, Rechtsschutz- und Freizeitunfallversicherung wirbt, aber lediglich über ein Coworking Office in Berlin verfügt. Plakativ fordert „die andere Liste“ des ehemaligen Generalsekretärs des Weltkonzernbetriebsrates, die installierte Kapazität von 800.000 Fahrzeugen maximal auszulasten – unabhängig von dem Zwang, aus ökologischen Gründen zu reduzieren, unabhängig von der Marktsituation und unabhängig von der Auslastung in anderen Werken von Volkswagen. Damit wird die Managementstrategie der Konkurrenz zwischen den Standorten praktisch in die Belegschaft verlängert, statt nach mehr Mitbestimmung, Arbeitszeitverkürzung und nach anderen, nützlichen Produkten zu streben. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung hat dazu sehr konkrete Vorschläge entwickelt: https://www.vsa-verlag.de/nc/buecher/detail/artikel/spurwechsel/
Dem Klassenkampf von oben muss ein Klassenkampf von unten entgegensetzt werden. Immer noch richtig ist die Erfahrung der Arbeiterinnenbewegung: Millionen sind stärker als Millionäre und Milliardäre! Kein Trost: Wenn die Fußballabteilung von Volkswagen ihren Klassenkampf verliert, den Verbleib in der ersten Klasse, will der auch dafür zuständige VW-Betriebsrat betriebsbedingte Kündigungen beim VfL verhindern.
Redaktionell bearbeitet und leicht gekürzt in der Zeitung „junge welt“ vom 5.3.2026 https://www.jungewelt.de/artikel/518608.automobilindustrie-wut-und-frust-im-werk.html


