Das Problem ist, dass die Vergangenheit nicht vergeht

Die Aktualität des braunen Erbes der reichsten Deutschen. „Ich glaube, die Gene bestimmen, wie viel man schafft.“

Von „seiner Hände Arbeit“ ist noch niemand reich geworden. Diejenigen, die von ihrer Hände Arbeit leben müssen, werden gerade abgezockt wie nie zuvor in der Geschichte der BRD. Die sogenannte Gasumlage und der Anstieg der Strom- und Gaspreise sorgen dafür, dass geringverdienende Menschen, Erwerbslose und Menschen, die Transferleistungen beziehen, an den Rand der Existenz gedrängt werden. Danke für nix an die Kanaillen in Berlin.

Ein Prozent der Bevölkerung schert das alles überhaupt nicht: Die Reichen werden in der Krise nur noch reicher. In Hamburg leben rund 1.300 Einkommensmillionäre („Durchschnittsverdienst“ ca. 3 Mio. Euro pro Jahr) und noch viel mehr Vermögensmillionäre mit ihrem Kapital, ihren Aktien und Immobilien.

Aber woher haben sie ihren Reichtum, wenn nicht „durch ihrer Hände Arbeit“?

In Hamburg macht Klaus-Michael Kühne, der Reichste unter den reichen Hamburgern, ca. 33 Milliarden Euro schwer, gerade Furore. Ungefragt will er dem HSV eine „Finanzspritze“ von 120 Millionen Euro aufdrängen. Ein paar Tage vorher wollte er der Hafenstadt eine neue Oper für 400 Millionen Euro andienen. In beiden Fällen haben diejenigen, denen er „Gutes“ tun wollte, bisher dankend abgelehnt, weil es sich um vergiftete Geschenke gehandelt hätte.

Michael Kühne: Der Erbe des Logistik-Konzerns Kühne+Nagel und Anteilseigner der Reederei Hapag-Lloyd, Eigentümer des Luxushotels The Fontenay (Titelbild). Dort gibt es Zimmer ab 350 Euro pro Nacht aufwärts, in der Suite für 3.000 Euro ist schon zweimal täglich der Putzservice inklusive. Steuern zu zahlen ist Kühne und seinesgleichen dagegen ziemlich zuwider, weshalb er auch seinen Wohn- und Firmensitz in die Schweiz verlegt hat. Er äußerte sich mal dahingehend, er habe nichts gegen Steuern, er „hätte nur gern das Gefühl, dass sie für die richtigen Dinge ausgegeben werden“. Reich wurde die Eltern von Kühne vor allem in der NS-Zeit – als Parteimitglieder sowie als Profiteure der Arisierung, des Raubes von jüdischem Eigentum. Ab 1941 wurden Jüdinnen und Juden aus den von den Nazis besetzten Gebieten abtransportiert. Viele wurden später in den Konzentrationslagern der Nazis ermordet. Zurück blieben die verlassenen Wohnungen samt Einrichtungen. Diese Möbel wurden im Rahmen der sogenannten „M-Aktion“ ins Reichsgebiet gebracht. „Das war natürlich eine gewaltige logistische Aufgabe. Wir sprechen hier von über rund 70.000 Wohnungen. Und da spielte die Firma Kühne + Nägel eine absolut zentrale Rolle.“ (Frank Bajohr, Deutschlandfunk, 9.9.2020). Weil Kühne selbst schweigt, hat die TAZ recherchiert: „Und was ich sehen konnte, ist sozusagen die Gegenüberlieferung. Also es gibt in diversen öffentlichen Archiven Akten von Kühne + Nagel: im Bremer Staatsarchiv, im Hamburger Staatsarchiv. Aber auch an Orten, wo man es erstmal nicht erwartet, wie in Montreal zum Beispiel gibt es Unterlagen, die Kühne + Nagel betreffen, weil dort die Nachkommen des jüdischen Teilhabers von Kühne + Nagel sich haben retten können, nach Kanada.“ (Henning Bleyl, Deutschlandfunk, 9.9.2020).

Die Quandts: Susanne Klatten und Stefan Quandt, die reichen BMW-Aktionäre, führen eher ein stilles Dasein – von den Parteispenden mal abgesehen, am 29.7.22 haben sie gerade 100.002 Euro an die CDU überwiesen. Viel ist auch nicht bekannt über ihre Cousinen, die Töchter von Harald Quandt. Herbert wie Harald haben von ihrem Vater als Profiteur von Krieg und Zwangsarbeit einen riesigen Industriebesitz geerbt. Und ohne einen Finger dafür krumm zu machen, führen diese Erben heute ein herrschaftliches Leben ohne Sorgen um die Gasrechnung – eher verdienen sie wohl wieder an der Krise. Unter dem Dach der Harald-Quandt-Holding pflegen und mehren die Töchter von Harald Quandt ihr Kapital mittels einer Vielzahl von Gesellschaften: Vermögensverwalter wie Feri, eine Private-Equity-Firma namens Equita, der Wagnisfinanzierer QVentures. Zudem besitzen die Schwestern Immobilien im In- und Ausland, etwa das berühmte Liebermann-Palais neben dem Brandenburger Tor. Zum Beispiel Tochter Colleen-Bettina, genannt Tini, beschreibt auf der Website ihres Hamburger Edelschmuckladens ihre ganz gewöhnliche Karriere: „So studierte sie nach dem Abitur und anschließenden Reisen zu Edelsteinminen in Australien und Indonesien am Gemology Institute of America in Los Angeles. Es folgen eine Ausbildung in Edelsteinkunde in Idar-Oberstein, eine Goldschmiedelehre in Frankfurt am Main und zum Abschluß ein Schmuckdesignstudium an der berühmten Parsons School in New York. Danach arbeitete sie als freischaffende Goldschmiedin in den Vereinigten Staaten und in Deutschland.“ Seit nunmehr über fünfundzwanzig Jahren lebt Tini in Hamburg, wo sie in einer stilvoll umgebauten Remise in Alsternähe eine Werkstatt und einen Showroom unterhält. Tini ist keine für die erste Reihe. „Erste Liga ja, kein Problem. Aber bitte nicht so präsent, bitte nicht so aufdringlich“ (Abendblatt, 20.102018; Das schwere Erbe der Colleen B. Rosenblat; Was nutzt ein Milliardenvermögen, wenn man keine Eltern mehr hat? Der Sicherheitsdienst des Hauses beschützt hier nicht nur den teuren Schmuck.) Sie selbst sagt dem Abendblatt: „Wir haben riesige Verantwortung, denn unsere Firmen sind groß, und dementsprechend viele Leute leben davon, dass wir unseren Job gut machen. Wenn man wie wir ein besonderes Erbe antritt, dann muss man es ernst nehmen. Ich glaube, die Gene bestimmen, wie viel man schafft.“ Dass sie bestens davon lebt, dass andere für sie arbeiten, hat sie vielleicht wohl nicht realisiert.

Der Porsche-Piëch-Clan: Urväter des Clans mit den zwei Familiensträngen sind Ferdinand Porsche („der Ingenieur des Führers“) und Schwiegersohn Anton Piëch – beide würden mit unseren heutigen Kenntnissen als fanatische Nazis und Kriegsverbrecher verurteilt. Sie veranlassten mit gestohlenem Gewerkschaftsvermögen und Sklavenarbeit den Bau des Volkswagenwerkes in Wolfsburg und eine sehr einträgliche Rüstungsproduktion. Inzwischen ist der Clan auf über 60 Mitglieder angewachsen – allesamt reich Dank des Erbes der grausamen Ausplünderung zehntausender Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen. Wegen der unter den Augen von Porsche und Piëch bewusst herbeigeführten Tötung von über 300 Kindern von Zwangsarbeiterinnen wurde lediglich der damalige Werksarzt zum Tode verurteilt.

In die Aufsichtsräte von Porsche, Volkswagen und deren Töchter (10 Marken) rücken nach Hans-Michael Piëch (Sohn von Anton Piëch), Wolfgang Porsche und Hans-Peter Porsche (Söhne von Ferdinand „Ferry“ Porsche) jetzt die zweite Erben-Generation nach: Louise Kiesling, Stefan Piëch, Julia Kuhn-Piëch, (Enkel von Anton Piëch), Ferdinand Oliver Porsche, Peter Daniell Porsche, Christian Porsche, Mark Philipp Porsche, Stephanie Porsche-Schröder (Enkel von Ferry Porsche). Außer ihrem Erbe verbindet sich nichts mit den Unternehmen, in denen sie jetzt die Manager anspornen, ihren Reichtum noch zu mehren.

„Der Käfer-Konstrukteur wusste sein Wirken in Wolfsburg stets auch gewinnbringend für sein eigenes Stuttgarter Unternehmen zu nutzen. Davon profitierten die Familien Porsche und Piech auch nach dem Zweiten Weltkrieg.“ Weiter wird beschrieben, dass der damalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking unter Ausschaltung des VW-Gesetzes den Volkswagen-Konzern feindlich zu übernehmen gedachte: „Das misslang gründlich, was aber keine existenzbedrohlichen Folgen für Porsche und die Familien hatte. Im Gegenteil: Am Ende war Porsche nicht nur gerettet, sondern die Holding SE ist heute mit Abstand größter Mehrheitsaktionär des Konzerns. Bei Volkswagen wackelt der Schwanz kräftig mit dem Hund. Die jetzige Personalrochade wird den Einfluss der Stuttgarter und Salzburger nochmals deutlich vergrößern“ (WN, 16.8.2022). „Oliver Blume genießt seit vielen Jahren unser ausdrückliches Vertrauen“, erklärten die Familiensprecher Wolfgang Porsche und Hans Michel Piëch in einer Mitteilung der VW-Dachholding Porsche SE. „Es folgt einfach der nächste Schüler der Familien Porsche und Piech“, beschreibt, etwas euphemistisch, Manuel Theisen, emeritierter BWL-Professor: „Das zentrale Motiv ist Macht“ (Die Presse, 8.8.2022).

Ohne große Anstrengung und eigenes Zutun sind die teils feingeistigen Urenkel von Ferdinand Porsche, die Enkel von Anton Piëch und Ferry Porsche zu superreichen Leuten geworden, die sich um die Gasumlage so wenig sorgen wie um die Herkunft ihrer gigantischen Vermögen.

Michael Kühne, die Quandts und der Porsche-Piëch-Clan stehen beispielhaft für das braune Erbe, das die Nachkriegsgeschichte und das Leben von Millionen Menschen maßgeblich beeinflusste und bis heute wirkt und Politik massiv beeinflusst.

Ganz viel dazu aufgeschrieben hat David de Jong in dem Buch „Braunes Erbe – Die dunkle Geschichte der reichsten deutschen Unternehmerdynastien“ (Köln 2022). Zum Porsche-Piëch-Clan nachlesbar auch in dem von mir herausgegebenen Buch „Volksburg / Wolfswagen – 75 Jahre Stadt des KdF-Wagen/Wolfsburg“. beides in der Buchhandlung Deines Vertrauens.

https://www.ossietzky.net/laden/75-jahre-stadt-des-kdf-wagen-wolfsburg-stephan-krull-hg/

Ein Gedanke zu „Das Problem ist, dass die Vergangenheit nicht vergeht“

  1. In Wolfsburg ist die Hauptverkehrsstrasse nach Porsche benannt. Selbst die Dönerbude nennt sich „Porsche“. Statt sich die Geschichte bewusst zu machen, werden weiter die Reichen mit Hochachtung bedacht, als wäre der Reichtum Gott gegeben. Diese Haltung ist weit verbreitet leider auch unter armen Menschen. In der Schlange vor der Tafel wird nach unten getreten, die Rentnerin spuckt auf die „Hartzer“, die „Hartzer“ spucken auf die „Asylanten“. „Die kriegen alles hinterher geschmissen, die liegen auf der faulen Haut.“ Von Klassenbewusstsein keine Spur. Beim Unterschriftensammeln für’s 9-Euro-Ticket sagte mir eine Passantin: „die brauchten das gar nicht, die haben damit Ausflüge gemacht.“ Warum dürfen arme Menschen keine Ausflüge machen? Wie kommt eine solch verquere Ideologie in die Köpfe? Oder besser gefragt, wie kommt sie wieder raus? Wird das Buckeln nach oben und das Treten nach unten uns in die Wiege gelegt oder wird das weiter vererbt? Ein Faktor ist wohl auch die neoliberale Gehirnwäsche durch Lobbyorganisationen wie die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft GmbH, kurz INSM. Die machen den ganzen Tag nichts anderes, als ihre Botschaften möglichst unbemerkt in unsere Hirne sickern zu lassen, indem sie z.B. Dialoge in Fernsehserien kaufen. Da einigen sich z.B. Chef und Angestellte darauf, dass der Staat das Problem ist, wenn sich die Angestellte mehr Gehalt wünscht, denn der Staat behält die Steuern ein. Mit viel Geld, Macht und Einfluss wird Meinungsmache betrieben.
    Doch es gibt Hoffnung: Deutsche Wohnen & Co enteignen ist ein Beispiel. Kommt zur
    Faxen Dicke! – Vergesellschaftungsfete am Rosa-Luxemburg-Platz am 24. 09. 22 in Berlin
    oder schaut den Film „Lasst uns aufstehen“ Das Fabrikkollektiv GKN über eine Fabrikbesetzung in Italien auf labournet.tv

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