Gewerkschafts-Bashing statt Anerkennung der Gewerkschaft
Die UAW, die United Auto Workers (oder mit ihrem langen Namen: The International Union, United Automobile, Aerospace and Agricultural Implement Workers of America), ist mit mehr als einer Million Mitgliedern eine der größten und einflussreichsten Gewerkschaften Nordamerikas. Vor einigen Wochen berichtete die UAW in einem Briefing für deutsche Gewerkschaften und NGOs über die Verletzung von Gewerkschaftsrechten im Werk von Mercedes in Tuscaloosa/Alabama sowie über gewerkschaftsfeindliche Unternehmenskampagnen mit rassistischen Taktiken. Das ist keine Kleinigkeit, denn Gewerkschaftsrechte sind Teil der Menschenrechte – und die sind universell, unveräußerlich und unteilbar. Ob in Tuscaloosa oder in Stuttgart: Die Würde der Arbeiterinnen und Arbeiter ist nicht verhandelbar. Um diese Rechte wahrnehmen zu können, bedarf es Gewerkschaften und betrieblicher Interessenvertretungen. Menschenrechtsverletzungen entschieden entgegenzutreten ist die gemeinsame Verantwortung von Gewerkschaften überall auf der Welt.
Aus zwei Gründen hat sich die UAW an die deutsche Öffentlichkeit gewandt: Zum einen ist Mercedes ein globaler Konzern, der in Deutschland groß geworden ist und von hier gesteuert wird; zum anderen prognostizieren die Vertreter:innen der UAW, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter bei Mercedes in Deutschland als nächstes von solchen Maßnahmen betroffen sein werden: «The same playbook is coming for Rastatt, Sindelfingen and Bremen.»
Die Warnung der Gewerkschafter:innen aus den USA hat sich als richtig erwiesen: Die Chefetage von Mercedes Benz hat Massenentlassungen angekündigt, sie verschiebt Bonuszahlungen, verlagert Produktion nach Ungarn und verlangt unbezahlte Arbeitszeitverlängerung von 35 auf 40 Stunden die Woche. Ähnliches geschah bei Volkswagen, wo durch Tarifvertrag Personalabbau, Lohnsenkung und Arbeitszeitverlängerung vereinbart wurden. Dass VW und Mercedes gleichzeitig Sparprogramme, Lohnabbau, Arbeitszeitverlängerung und die Verlagerung von Produktion verkündet haben, ist kein Zufall, sondern eine Kampagne. Offen, brutal und ohne sozialpartnerschaftliche Betriebsgemeinschaftsideologie.
Das US-amerikanische National Labor Relations Board (NLRB) hat mehrere von der UAW erhobene Vorwürfe als begründet anerkannt. Demnach haben sich Führungskräfte von Mercedes, darunter ein Mitglied des Vorstands in Deutschland, 2024 an einer gewerkschaftsfeindlichen Kampagne beteiligt, die sowohl gegen US-amerikanisches Arbeitsrecht verstößt als auch die Grundsatzerklärung des Unternehmens zur Unterstützung des Rechts der Beschäftigten auf Vereinigungsfreiheit untergräbt. So widersetzt sich Mercedes beispielsweise aggressiv allen Bemühungen, einen ersten Tarifvertrag bei einem unternehmenseigenen Autohaus in New York City auszuhandeln. Mercedes verstößt gegen geltendes internationales Recht (gegen die ILO-Normen 87, 98 und 135), wenn es den Beschäftigten mit der Schließung des Werks droht, sollten sie für den Beitritt zur Gewerkschaft stimmen. Parallel zur Klage vor Gerichten in den USA reichte die UAW auch in Deutschland Klage gegen Mercedes wegen Missachtung des Lieferkettengesetzes ein.
Diese Art Gewerkschafts-Bashing steht im Widerspruch zu den eigenen, mit dem Betriebsrat vereinbarten Verhaltensrichtlinien, in denen sich Mercedes-Benz zu internationalen Übereinkommen und Leitsätzen bekennt: «Hierbei beziehen wir uns insbesondere auf die internationale Menschenrechtscharta, die Erklärung der Internationalen Arbeitsorganisation über die grundlegenden Prinzipien und Rechte bei der Arbeit sowie Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte der Vereinten Nationen.»
Einen ganz ähnlichen Konflikt gab es bei Volkswagen in Chattanooga/Tennessee, der einige Jahre andauerte und erst mit lautstarker Unterstützung der IG Metall und des Weltkonzernbetriebsrates bei VW zugunsten der UAW entschieden werden konnte.
Mit seinem Vorgehen in Alabama, so die UAW, habe sich Mercedes auf die Seite der amerikanischen Eliten gestellt, «die das deutsche Modell zerstören wollen». Und die Vorstände von Mercedes und Volkswagen, ihrerseits Teil der Eliten, danken Trump und den konservativen Gouverneuren, indem sie deren Schlachtruf für die Förderung der fossilen Energie – «drill, baby, drill» – aufnehmen, die Produktion von E-Autos stoppen und wieder auf große und schwere Verbrennerfahrzeuge setzen. In den USA produziert Mercedes eine Vielzahl von großen, besonders profitablen Luxus-SUVs bis hin zum Maybach, hauptsächlich als Verbrenner. Ebenso Volkswagen in Chattanooga, wo statt der E-Autos SUV-Modelle mit Benzinmotor vom Band laufen.
Das Vorgehen von Mercedes und Volkswagen sowie der Protest und Widerstand dagegen sind Ausdruck der Krise in der Automobilindustrie. Der Absatz von Autos stagniert weltweit, wenn auch regional in unterschiedlichem Maß. Angetrieben durch den Boom in China erreichte die Produktion 2017 ihren Höhepunkt mit 73,5 Millionen Fahrzeugen. Danach – also noch vor Corona, aber durch Pandemie und «Chipkrise», die Sperrung des Suezkanals und weitere Katastrophen verschärft – ging der Absatz um mehr als ein Viertel zurück auf 56 Millionen PKW. In den Jahren 2023/24 hat sich der Absatz weitgehend erholt, liegt mit 70 Millionen PKW im Jahr 2025 aber weit unterhalb der installierten Kapazitäten. Für die auf Wachstum gepolte kapitalistische Wirtschaft ist das eine Katastrophe.
Die Ursachen sind unrentable Überkapazitäten, die Ideologie der «Technologieoffenheit», der technologische Rückstand gegenüber chinesischen Herstellern, die auf Maximalprofit ausgerichtete Modellpolitik und die Verlagerung von Produktion in Länder mit geringen Personalkosten. Die Fabriken von Volkswagen, BMW, Mercedes, Renault und Stellantis sowie der Zulieferer Conti, Bosch und ZF in Europa sind im Schnitt zu weniger als 60 Prozent ausgelastet. Volkswagen verlagert die Bulli-Produktion in die Türkei und die Produktion des Golfs nach Mexiko; Mercedes feiert die Eröffnung der größten Autofabrik in Ungarn. All das löst keines der strukturellen Probleme, sendet aber an die verunsicherten Arbeiterinnen und Arbeiter ein klares Signal: Es kann jeden Einzelnen von euch treffen. Ein Kollege von Mercedes in Bremen erzählte mir, dass er seit vier Jahren als Leiharbeiter in der Nachtschicht arbeitet. «Wenn ich morgens nach Hause komme, fragen meine Kinder, wie viele Autos ich die Nacht gebaut habe. Ab September weiß ich nicht mehr, was ich meinen Kindern auf ihre Fragen antworten soll.»
Der meisten Arbeiter:innen in der Automobilindustrie sind verunsichert und wütend angesichts von Sozialabbau und Verlängerung der Arbeitszeit, angesichts der Vernichtung von 15.000 Arbeitsplätzen jeden Monat, von Betriebsverlagerungen und partieller Deindustrialisierung. Es ist verantwortungslos, mit solchen Planungen, wie sie derzeit von Volkswagen und Mercedes lanciert werden, Arbeiter*innen, Familien und ganze Regionen zu verunsichern. Thomas Knabel von der IG Metall in Zwickau sagt: «Es drängt sich der Eindruck auf, dass hier von den Unternehmensspitzen bewusst Unsicherheit erzeugt und eine Stimmung der Resignation befördert werden soll. Volkswagen darf die Folgen eigener strategischer Fehlentscheidungen und hoher Renditeerwartungen nicht auf dem Rücken der Beschäftigten austragen.» Ines Schwerdtner, Co-Vorsitzende der Partei Die Linke, hat sich im Gespräch mit der Freien Presse in Zwickau geäußert: «Wenn die Werke in Zwickau oder Chemnitz schließen, dann bedeutet das Abstiegsängste für Tausende Menschen. Das schafft ein Klima, von dem erfahrungsgemäß der rechte Rand profitiert. Dann kann man auch gleich den roten Teppich ausrollen für die AfD. Das wäre fahrlässig.»
IndustriALL, der Dachverband der Industriegewerkschaften, dem die UAW wie die IG Metall angehören, wies darauf hin, dass das Werk in Alabama weltweit das einzige von Mercedes ohne Gewerkschaftsvertretung ist – ähnlich wie zuvor das VW-Werk in Tennessee. IndustriALL rief seine 50 Millionen Mitglieder zur Solidarität auf: «Was unsere Mercedes-Kolleg:innen in Alabama jetzt brauchen, ist unsere Solidarität, damit sie wissen, dass sie nicht allein sind.» Und das im wohlverstandenen Interesse aller in der Auto- und Zulieferindustrie arbeitenden Menschen: The same playbook is coming for Rastatt, Sindelfingen and Bremen!
Stephan Krull hat bei Volkswagen in Wolfsburg in der Lackiererei gearbeitet, wurde in den Betriebsrat, in den Ortsvorstand der IG Metall und in die gewerkschaftliche Tarifkommission gewählt. Zudem hat er sich in der internationalen Solidaritätsarbeit und in der gewerkschaftspolitischen Bildungsarbeit engagiert. Nach dem Ausscheiden aus dem Betrieb setzte er die politische Bildungsarbeit in der Rosa-Luxemburg-Stiftung fort, initiierte dort den «Gesprächskreis Zukunft Auto, Umwelt, Mobilität (ZAUM») und wurde im November 2025 in den Vorstand der Stiftung gewählt.
Zuerst veröffentlicht bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung: https://www.rosalux.de/news/id/55199/mercedes-und-volkswagen-in-den-usa
