Busse und Bahnen statt Panzer und Kanonen: Konversion ist möglich!

Wo sich die Beschäftigten nicht wehren, beschließt die Geschäftsleitung mit einem Federstrich die Schließung und zieht sie auch durch.

Was bedeuten die Artikel 14 und 15 des Grundgesetzes, was bedeuten das Allgemeinwohl und die Möglichkeit der Vergesellschaftung gegenüber der Gier nach maximalen Profiten.

Solidarität macht stark und Millionen sind stärker als Millionäre und Milliardäre. Es braucht für jeden Betrieb eine betriebliche und lokale Zukunftswerkstatt.

Busse und Bahnen statt Autos? Das geht – aber nicht ohne Beteiligung der Arbeiterinnen und Arbeiter, ohne Beteiligung von Betriebsrat und Gewerkschaft!

Beispiele für tendenziell erfolgreiche betrieblich-gewerkschaftliche Aktionen in der Transformation, denen die frühe Einbeziehung der Arbeiterinnen und Arbeiter gemeinsam ist. In beiden Autozulieferbetrieben wurde die Produktion umgestellt von Autoteilen auf Teile der Bahn oder der Bahninfrastruktur. Das ist auch möglich für die von VW nicht mehr gewollte Fabrik in Osnabrück.

1. Aalen in Baden-Württemberg, östlich von Stuttgart: Krise? Ja. Aufgeben? Niemals!

Vor einigen Jahren stand die Maschinenfabrik Alfing Kessler in Aalen am Scheideweg: Der Hochlauf der E-Mobilität bedeutete das Aus für Kurbelwellen. Alternativen fehlten, die Verunsicherung in der Belegschaft wuchs – und Arbeitsplätze waren bedroht.

Der Betriebsrat konnte das nicht hinnehmen. Und machte klar: Transformation beginnt im Kopf – und dafür braucht es Beteiligung. So wurde eine Beschäftigtenumfrage durchgeführt, während der Arbeitgeber eine Studie in Auftrag gab. Das Ziel: Ideen für Alternativprodukte finden, um die Transformation gemeinsam zu meistern.

Ein wichtiger Grundstein für den Erfolg: Gemeinsam mit dem Betriebsrat, der IG Metall und dem Fraunhofer-Institut trat die Geschäftsleitung in den Dialog. Damit konnte das Fundament für eine konstruktive und gemeinsame Auseinandersetzung mit der Transformation gelegt werden.

Das Ergebnis: Die Transformation läuft. Alternativprodukte werden hergestellt und dadurch nicht nur Arbeitsplätze gesichert, sondern auch neue geschaffen.

Die Schwäbische Post berichtet am 16.7. über einen Besuch von Andrea Nahles, Chefin der Bundesagentur für Arbeit, in dem Betrieb:

Wie man ein Unternehmen umkrempelt und es vom Verbrenner-Zulieferer zum Innovationsführer für Präzisionsbauteile aus Stahl umbaut: Das hat der Geschäftsführer der Fabrik der Chefin der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Nahles, präsentiert. Nahles besuchte das 1911 gegründete Wasseralfinger Metallunternehmen, das sich vom Kurbelwellenhersteller für die Autobranche immer weiter verabschiedet. Beeindruckt zeigte sie sich, dass bei dieser Transformation sogar noch Arbeitsplätze entstehen.

„Wir brauchen genau diesen Switch“, sagte die Agenturchefin, nachdem ihr der Geschäftsführer den Wandel des Unternehmens erläutert hatte: Noch im Jahr 2021 habe die MAFA rund 40 Prozent ihres Umsatzes mit Kurbelwellen für Verbrennungsmotoren erzielt: nicht gerade ein Zukunftsmodell. „Wir haben damals auch über Exit-Strategien wie einen Verkauf nachgedacht“, betonte Grimm. Stattdessen habe sich das Traditionsunternehmen aber für eine Neuausrichtung entschieden.

Dabei wurde eine neue Unternehmenskultur entworfen, wobei Belegschaft und Betriebsrat stets mit einbezogen waren. Werte wie „Zusammenarbeit und Wertschätzung“ seien hier großgeschrieben worden. Im Rahmen der Strategie kamen neue Kundenfelder und Branchen in den Blick. Nun schmiedet die MAFA beispielsweise in großem Stil Weichenherzstücke für die Deutsche Bahn.

Nahles genoss die Führung durch das Werk mit Schmiede und Fertigungsanlagen sichtlich: „Mein Großvater war Schmied“, sagte sie. Ihr besonderes Interesse galt der Erfolgsstory bei der Beschäftigung, die die Transformation Alfing gebracht hat. Im Jahr 2021, erläuterte Grimm, war die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf 1115 gesunken, im Laufe dieses Jahres soll sie wieder bei 1355 angelangt sein. „Unser Plan ist, auf 1500 Mitarbeiter anzuwachsen“, betonte Konrad Grimm.

2. Simmern im Hunsrück/Rheinlad-Pfalz: Verlagerung mal andersrum!

Das Werk sollte 2026 geschlossen werden. Das verkündete die Geschäftsführung des Autozulieferers Boge Elastmetall in Simmern letzten November. Doch mit kreativen Aktionen erkämpfte sich die Belegschaft Tarifverhandlungen – und erreichte die Verlagerung von Eisenbahnersatzteilen aus China nach Simmern. Nach Warnstreiks und Auseinandersetzungen vor Gericht erreichte die IG Metall eine tarifliche Verfahrens- und Prozessvereinbarung: Beschäftigte und Geschäftsführung erarbeiten gemeinsam in paritätischen Arbeitsgruppen Lösungen zur Sicherung von Standort und Arbeitsplätzen, gesteuert von einem gemeinsamen Lenkungsausschuss von Geschäftsführung, Betriebsrat und IG Metall. Die IG Metall hatte bereits eine „Woche des Widerstands“ vorbereitet, sowie eine Urabstimmung über einen unbefristeten Streik, der viele Autowerke lahmgelegt hätte. Boge liefert an Mercedes, Audi, VW und Volvo. Kämpfen kann sich lohnen, ein tolles Beispiel. Dadurch sind die rund 300 Beschäftigten von Boge nicht mehr allein vom Auto abhängig, sondern haben künftig mit Fahrwerksteilen für Züge ein zweites Standbein. „Die Solidarität der Beschäftigten bei Boge hat gegen den Trend tarifgebundene Industriearbeitsplätze gesichert – mit einer Verlagerung mal andersherum“, erklärt Verhandlungsführer Uwe Zabel von der IG Metall. „Wir haben die Transformation fair, ökologisch und gerecht gestaltet, mit Beteiligung der Beschäftigten.“ „Dieses Ergebnis ist sensationell – ein Erfolg der Solidarität“, meint Jörg Köhlinger, Bezirksleiter der IG Metall Mitte, der auf der Betriebs- und Mitgliederversammlung den Tarifvertrag unterschrieben hat. „Erstmals werden Produkte, die bereits nach China verlagert waren, wieder zurückverlagert, von China nach Simmern. Das war aber nur möglich, weil die Belegschaft kampfbereit war. In Betrieben, wo sich die Beschäftigten nicht wehren, beschließt die Geschäftsleitung mit einem Federstrich die Schließung und zieht sie auch durch.“ Zur aktiven Beteiligung der Arbeiterinnen und Arbeiter wurden „Demokratiezeiten“ wie Freistellungen für Vertrauensleute und IG Metall-Mitgliederversammlungen während der Arbeitszeit vereinbart.

Der Wochenspiegel Rhein-Hunsrück-Kreis schreibt dazu:

»Das Ergebnis ist eine echte Sensation. Entgegen dem Trend, Produktionen ins Ausland zu verlagern, wird jetzt die Fertigung von Eisenbahnersatzteilen aus China in den Hunsrück verlagert«, sagte Jörg Köhlinger, IG Metall Bezirksleiter Mitte, beim Pressegespräch. Es soll ein »Bahnersatzteilkompetenzzentrum« entstehen. Das ist eines der Ergebnisse aus dem neuen Tarifvertrag, den die IG Metall treffender als Transformationsvertrag bezeichnet.

Genau das soll in Simmern stattfinden: Die Transformation des Werkes in einen zukunftsfähigen Standort. Weiter investiert der chinesische Mutterkonzern Zhuzhou Times New Material Technology (TMT) mindestens sieben Millionen Euro in die Infrastruktur des Werkes. Zudem wird eine Million in die Qualifizierung der Mitarbeiter investiert«.

Weitere Eckpunkte des von der Verhandlungskommission ausgehandelten Vertrages: Bis 31. Dezember 2027 sind betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen. Boge garantiert bis dahin mindestens 250 Vollzeit-Arbeitsplätze und fünf Ausbildungsplätze pro Jahr. Zur aktiven Beteiligung der Beschäftigten wurden »Demokratiezeiten« wie Freistellungen für Vertrauensleute und IG Metall-Mitgliederversammlungen während der Arbeitszeit vereinbart. Der Transformationsvertrag gilt nur für Mitglieder der IG Metall. Allerdings sind rund 98 Prozent der Belegschaft in der Gewerkschaft organisiert.

»Es war ein hartes Stück Arbeit, aber ich bin glücklich über das Ergebnis«, betonte der Betriebsratsvorsitzende Kay Wohlfahrt. »Nun bekommen wir neue Produktionen, die drei neue Geschäftsbereiche umfassen, darunter die Fertigung von Eisenbahnersatzteilen. Bisher waren wir nur Zulieferer der Automobilindustrie.

Diese Diversifikation, die durch konkrete Investitionen umgesetzt wird, soll den Standort zukunftsfähig machen. Gleichzeitig stecken wohl auch strategische Überlegungen des Mutterkonzerns TMT hinter der Einigung. Zum einen ist das Unternehmen mit der Produktion in Simmern näher an den europäischen Kunden, zum anderen hofft man, den Markt in Europa weiter erschließen zu können.

»Das Ergebnis ist ein wichtiges Signal für die umliegenden Regionen, dass es sich lohnt, für Arbeitsplätze zu kämpfen«, betonte Ingo Petzold, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Bad Kreuznach. »Wir haben gegen den Trend ein Signal gesetzt, gerade im ländlichen Raum. Es ist ein Ergebnis der Solidarität!« In diesem Sinne wurde auch die »Flamme der Solidarität« an die Musashi-Kollegen von der Nahe weitergereicht. Auch in diesem Unternehmen stehen Veränderungen an, zwei Werke (Hann. Münden und Leinefelde) sollen geschlossen werden, berichtete der Betriebsrat.

Zabel spricht von einem »Friedensvertrag« und ist zuversichtlich, dass die vereinbarten Punkte eingehalten werden. Damit ist auch ein Arbeitskampf vom Tisch, für den sich die IG Metall gerüstet hatte. Dieser hätte Produktionsunterbrechungen in anderen Automobilfirmen zur Folge gehabt. Zabel beziffert den Schaden mit 10 bis 30 Millionen Euro pro Produktionstag bei Kunden wie VW oder Audi. (27.8.2025)

3. Pepperl+Fuchs in Mannheim: Es geht immer um maximale Profite

Häufiger als die positiven Beispiele, häufiger als die kleinen Erfolge, sind derzeit noch solche Beispiele, in denen Unternehmen ihre Produktion entweder ins Ausland verlagern, das Kapital umgruppieren in Richtung Rüstungsindustrie oder die Produktion schlicht einstellen. Minus 50.000 Arbeitsplätze allein in der Auto- und Zulieferindustrie im vergangenen Jahr korrespondieren mit dem Anstieg der Erwerbslosigkeit. Der Münchner Merkur titelt am 29.8.2025: „Schock, Wut, Unverständnis: Traditionsunternehmen schließt Produktion und verlagert sie ins Ausland.“ Der Automatisierungs- und Sensorspezialist Pepperl+Fuchs aus Mannheim will die Beschäftigungssicherung nicht verlängern und lehnt Vorschläge der Arbeiterinnen und Arbeiter für eine Alternativproduktion ab, wie die IG Metall berichtet.

Die Motivation hinter all dem ist das Streben nach maximalen Profiten – nur darum geht es. Wenn mit der Herstellung und dem Vertrieb von Elektronikteilen oder Autos in der Konkurrenz nur sechs Prozent Rendite erzielt werden, könnten auf den gleichen Anlagen vielleicht auch Granaten oder Panzerwagen ohne Konkurrenz gebaut werden mit einer Rendite von 50 Prozent oder mehr. Auch darüber muss im Zusammenhang mit dem Grundgesetz die Debatte geführt werden: Was bedeuten die Artikel 14 und 15 des Grundgesetzes, was bedeuten das Allgemeinwohl und die Möglichkeit der Vergesellschaftung gegenüber der Gier nach maximalen Profiten.

Die Vorschläge der Belegschaft für eine andere Produktion werden aus Prinzip von den Managern und Eigentümern abgelehnt. Sie wollen sich weder ihre Gier nach höheren Profiten noch ihre Untätigkeit von den Arbeiterinnen und Arbeitern vorführen lassen. Deshalb lehnen sie alle konstruktiven Vorschläge ab: Wäre ja noch schöner, wenn die Arbeiter jetzt sagen könnten, was in „ihren“ Betrieben produziert wird.

Die Gewerkschaft, die Betriebsräte und die Arbeiterinnen und Arbeiter führen in jedem einzelnen Fall häufig fast aussichtslose Kämpfe, weil das Kapital nach anderen, entgegengesetzten Regeln und Gesetzen funktioniert als eine demokratische Gesellschaft. Was gegenwärtig noch fehlt, ist eine Zusammenführung der vielen örtlichen Aktionen. Wenn jeder einzelne Standort von Bosch, Conti oder ZF, von VW, Ford oder Opel für sich allein kämpft, ist die Erfolgsaussicht nicht sehr groß. Es häufen sich dann Niederlagen und Fatalismus macht sich breit: Die da oben machen ja doch, was sie wollen. Aber es bleibt die Erfahrung aller Arbeitskämpfe: Solidarität macht stark und Millionen sind stärker als Millionäre und Milliardäre. In dem Sinne müssen jetzt betriebsübergreifende und branchenübergreifende Kämpfe organisiert werden. Die Angriffe des Kapitals auf die sozialen Rechte aller Arbeiterinnen und Arbeiter mit Lohnsenkungen, Arbeitszeitverlängerung und den Drohungen mit Entlassungen und Betriebsverlagerungen sind bundesweit und bedürfen deshalb auch bundesweiten, zeitgleichen und solidarischen Widerstandes.

4. Osnabrück: Es geht auch ohne Rheinmetall

Und es braucht für jeden Betrieb eine betriebliche und lokale Zukunftswerkstatt. Darin können die Arbeiterinnen und Arbeiter, die örtliche Zivilgesellschaft einschließlich der kommunalen Politik gemeinsam beraten, was aus den Fabriken werden soll. Zum Beispiel: Volkswagen will im konzerneigenen Werk in Osnabrück keine Autos mehr bauen, weil es dafür keinen Absatz gibt, weil die Überkapazitäten abgebaut werden müssen. Rheinmetall hat ein Auge auf das Werk geworfen, um dort, eventuell im Gemeinschaftsunternehmen mit MAN (RMMV), Militärfahrzeuge zu produzieren. Auch hier ist also eine Umprofilierung des Betriebes geplant und möglich. Aber was in Aalen und Simmern geht, nämlich die Umprofilierung für Produkte für den öffentlichen Verkehr – ist sicher auch für das Werk in Osnabrück möglich, wie wir seitens des Gesprächskreises der Rosa-Luxemburg-Stiftung dargelegt haben. An diesem Plan gibt es große Interesse und wir werden ihn am 2. Oktober der Öffentlichkeit in Osnabrück vorstellen. Im Aufsatz für die Zeitschrift SOZIALISMUS habe ich die Grundlinien dieses Vorschlages schon mal skizziert.

https://www.sozialismus.de/fileadmin/users/sozialismus/Leseproben/2025/Sozialismus_2025-09_L3_Krull_Panzer_statt_Porsche.pdf

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert