Winterkorn hat Schuld? Irgendetwas stimmt da nicht!

Alles, was dem langjährigen VW-Boss Winterkorn vorgeworfen wird, ist aus meiner Sicht und aus meiner Erfahrung berechtigt. Trotzdem stimmt etwas nicht an der Berichterstattung, an dem Hype, der jetzt um Winterkorn gemacht wird. Irgendetwas ist falsch oder irgendetwas fehlt dort – so mein erstes Gefühl. Und dann: nachdenken. Wann begann der systematisch Betrug mit der Software zur Abgasmanipulation bei VW? Oder begann er gar nicht bei VW sondern bei Porsche? Oder bei Audi?

Bei Audi folgte Rupert Stadtler auf Martin Winterkorn als Vorstandschef – und ist es bis heute. Zwischen Porsche, Audi und Volkswagen verlaufen  sehr enge Beziehungen  und Karrieren, wie die folgende unvollständige Auflistung bruchstückhaft zeigt.

Vorstandschef Aufsichtsratschef
Volkswagen Ferdinand Piëch 1993 – 2001 Klaus Liesen bis 2001
Volkswagen Bernd Pischetsrieder 2003 – 2006, Martin Winterkorn 2006 – 20015 Ferdinand Piëch 2002 – 2015
Volkswagen Matthias Müller  2015 bis 2018 H. Dieter Pötsch
Volkswagen Herbert Diess H. Dieter Pötsch2015 bis heute
Audi Ferdinand Piëch 1988 – 1992 Robert Büchelhofer
Audi Martin Winterkron2002 – 2006 Ferdinand Piëch 1993 bis 2002
Audi Rupert Stadtler 2006 – bis heute Martin Winterkorn 2006 bis 2015
Audi Matthias Müller 20015 – 2018
Porsche Matthias Müller 2010 – 2015 Wolfgang Porsche
Porsche Oliver Blume Wolfgang Porsche

Tatsache ist, dass unter der Verantwortung von Ferdinand Piëch als Aufsichtsratsvorsitzendem und als Vertreter des Hauptaktionärs bei VW die Betrügereien begannen und in den Motorenentwicklungen von Audi, Volkswagen und Porsche praktisch eingeführt wurden. Tatsache ist, dass Winterkorn, Pötsch, Stadtler und Müller enge Vertraute von Piëch und dem Porsche-Piëch-Familienclan sind, dass Herbert Diess als Piëch-Vertrauter von BMW geholt wurde – so wie vorher Wolfgang Bernhard von Mercedes geholt worden war. Tatsache ist, dass mit dem Abgasbetrug der Absatz vor allem in den USA angekurbelt werden sollte: Clean Diesel. Tatsache ist, dass der Porsche-Piëch-Familienclan mit diesem millionenfachen Betrug viel Geld verdient hat – die Profite von VW wurden zu einem guten Teil als Dividenden in den Jahren des Betruges an den Familienclan ausgezahlt.

Nun ist mir klar, was an den Vorwürfen gegen Winterkorn fehlt: Der Spiritus rector und der Profiteur des Betruges ist Ferdinand Piëch. Zweckmäßiger Weise wurde Wolfgang Porsche als weiterer Strippenzieher des Familienclans zum Chefaufklärer innerhalb des VW-Konzerns ernannt. Piëch  versuchte übrigens sich selbst zu entlasten, als er zu Protokoll gab, Winterkorn im Frühjahr 2015 auf diesen Betrug angesprochen zu haben. Allein in den Jahren 2013 bis 2017 kassierte der Familienclan Dividenden in Höhe von mindestens 6 Milliarden Euro. Der Konzern selbst hat Gewinnrücklagen von etwas mehr als 80 Milliarden Euro. Da wäre also viel mehr zu holen, wenn es um Schadensbegrenzung für den Staat und für die Beschäftigten ginge. Aber darum geht es ja auch gar nicht, wenn der Aufsichtsrat von VW jetzt erwägt, Klage gegen Winterkorn zu erheben: Dann geht es nur darum durch den Betrug entgangene Gewinn für die Aktionäre erstattet zu bekommen.

Was mir an den Vorwürfen gegen Winterkorn noch fehlt, ist die Beschreibung der geradezu mafiösen Beziehungen zwischen Volkswagen und der Bundesregierung, vor allem dem Bundesverkehrsminister – egal ob Dobrindt oder Scheuer. Dieser weigert sich bis heute, auf die Einhaltung der Emissionsgrenzen zu pochen, dieser weigert sich bis heute, Strafen für den millionenfachen Betrug auszusprechen.

Winterkorn soll offensichtlich als Opfer von der Schuld der Eigentümer ablenken – und das greift entschieden zu kurz. Das gesamte Management im VW-Konzern ist in den Betrug verstrickt. Deshalb wurde Matthias Müller Hals über Kopf als Vorstandsvorsitzender abgelöst. Und die Ermittlungsverfahren gegen den amtierenden Aufsichtsratsvorsitzenden Pötsch und den nun amtierenden Vorstandsvorsitzenden Diess werden deren Verantwortung auch noch ans Licht bringen, wenn sie dann die nächsten „Opfer“ spielen müssen. Und die Eigentümer bleiben immer schön in deren Schatten? Dem gesamten Management gehört die Genehmigung zur Betriebsführung entzogen – so wie jedem Gammelfleischproduzenten. Die Eigentümer und Profiteure müssen zur Verantwortung gezogen werden, die Profite des Betruges müssen beschlagnahmt werden – so wie jede andere Hehlerware auch. Schließlich wäre es nach Artikel 14 und 15 des Grundgesetzes an der Zeit, das Unternehmen zu enteignen und zu vergesellschaften. Anders sind die Betrügereien nicht zu stoppen, anders ist eine Mobilitäts- und Verkehrswende nicht einzuleiten.

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