Oliver Blume: Das bisherige Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr.
Presse, Funk und Fernsehen sowie der Betriebsrat als Lautsprecher des Vorstandes und der Aktionäre. Wo bleiben Maß und Mitte, wo bleibt der volkswirtschaftliche Verstand, wo bleiben die Erkenntnis vom Interessengegensatz von Kapital und Arbeit?
Jahrespressekonferenz von Volkswagen am 10. März: Neun Millionen Autos abgesetzt, 322 Milliarden Euro Umsatz, 8,9 Milliarden Euro operatives Ergebnis, 6,9 Milliarden Euro Gewinn nach Steuern. Sofort berichten Presse, Funk und Fernsehen: „Gewinneinbruch! VW-Konzern will 50.000 Stellen streichen“, „Massiver Gewinneinbruch zwingt VW-Chef Blume zu hartem Sparkurs“, „Gewinn-Schock bei Volkswagen“, „Konzern tief in der Krise: VW meldet drastischen Gewinneinbruch“ und noch am gleichen Tag erscheint eine Informationsblatt des Betriebsrates aus Wolfsburg mit der Überschrift „Derbe Gewinneinbrüche im Konzern“. Kein Wachstum ist für ein kapitalistisches Unternehmen und seine Lautsprecher schon eine Katastrophe.
Die Gewinne lagen seit 2017 immer im zweistelligen Milliardenbereich, teils über 20 Milliarden Euro. 2025 normalisiert sich der Gewinn, wird belastet durch den Rückwärtsgang zum Verbrennermotor bei Porsche, durch den Handelskrieg von Trump, durch eine falsche Modellpolitik und die technische Überlegenheit chinesischer Hersteller.
Was ist das Ergebnis?
Mindestens eine Milliarde bekommt die Familie Porsche und Piëch, weitere 1,6 Milliarden für die Scheichs von Katar, für institutionelle Anleger bei Volkswagen1 und durchschnittlich 2.000 Euro Stundenlohn für die VW-Vorstandsmitglieder; Vorstandsvorsitzender Blume voraussichtlich um die 7 Millionen Euro. Und es gibt die Ansage der völlig überbezahlten Manager, dass bis 2030 die Kosten um 20 Prozent gesenkt und überproportional an die 50.000 Jobs gestrichen werden. Das sind gut 25 Prozent der Arbeitsplätze bei VW, Audi, Porsche, Cariad und PoweCo. 9.000 Arbeitsplätze sind es dieses Jahr schon bei der Marke Volkswagen, bis 2030 sollen jaährlich und nachhaltig 6 Milliarden Euro eingespart werden. Das Ziel sind 10 Prozent Umsatzrendite.
Was die Manager in der Jahrespressekonferenz sonst noch zu sagen haben: „Die Volkswagen Group stärkt ihre finanzielle Substanz. 2025 haben wir die neue Kraft der Volkswagen Group auf die Straße gebracht. Wir haben deutlich gemacht: Unsere Substanz ist robust, unsere Zukunftsprogramme wirken. Mit einem kräftigen finanziellen Momentum zum Jahresende haben wir unser Unternehmen weiter gestärkt. … sichtbare Fortschritte bei der Restrukturierung erzielt, einen soliden Netto-Cashflow erwirtschaftet und damit unsere Nettoliquidität auf einem soliden Niveau stabil gehalten. Das waren wichtige Schritte, um die Substanz der Volkswagen Group weiter zu stärken. Das aktuelle Ergebnisniveau von bereinigt 4,6 Prozent vor Restrukturierung reicht aber langfristig nicht aus.“ Blume betonte mehrfach, dass das bisherige Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert. Die deutschen Autokonzerne können den Weltmarkt nicht mehr mit teuren Autos fluten. Deshalb sollen in Deutschland die Kapazitäten um 700.000 Fahrzeuge pro Jahr weiter reduziert werden. Er verwies in diesem Zusammenhang auf die Schließung der Fabrik in Brüssel und die Beendigung der Produktion in den Fabriken in Dresden und demnächst auch in Osnabrück – für letztere stellte er auch Rüstungsproduktion in Aussicht. Schließlich will er – wie die CDU, die FDP und die AfD – Verbrenner bis mindestens 2040 in der EU verkaufen und die CO2-Ziele für 2030 aufheben.
Wenn man das Ziel 10 Prozent Umsatzrendite ins Verhältnis setzt zu Bankzinsen nimmt – wer traut schon jemandem, der oder die 10 Prozent Zinsen anbietet? Und wenn man 10 Prozent Umsatzrendite ins Verhältnis zum Umsatz setzt, geht es um fast 35 Milliarden Euro, die jedes Jahr an Gewinn gemacht werden sollen.
Was ist Gewinn?
Was ist der Gewinn bzw. der Profit? Gewinn ist das, was übrig bleibt, wenn alles bezahlt ist: Löhne, Material, Energie, Investitionen, Forschung und Entwicklung, Vertrieb und Steuern.
Wenn ein Unternehmen all das bezahlt hat und keinen Gewinn mehr macht, hat es doch schon investiert und Forschung und Entwicklung betrieben und ist immer noch kerngesund. Nur im Nebensatz erwähnt: Schulden bzw. Kredite sind auch nichts schlechtes, sondern gehören zum Geschäftsmodell dazu. Die Banken würden ja alle pleite gehen, wenn es keine Schulden mehr gäbe – sowohl von Unternehmen wie von Privatpersonen.
So gesehen liegen alle Berichte über die Jahrespressekonferenz weit neben der Wahrheit. Mit fast 7.000 Millionen Euro Gewinn schließt Volkswagen das Geschäftsjahr ab. Sieben Milliarden Euro die übrig sind, wenn alles Kosten bezahlt sind – auch die üppigen Gehälter des Managements. Sieben Milliarden Euro, die weder an die Arbeiterinnen und Arbeiter ausbezahlt werden noch in neue Ideen und alternative Prtodukte investiert werden. Blume sagt: Das alte Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr. Warum wird dann nicht Geld investiert in neue Geschäftsfelder, zum Beispiel von Fahrzeugen für den öffentlichen Verkehr. Geld ist genug da. Aber es wandert in die Taschen der Großaktionäre.
Der Betriebsrat
Der Betriebsrat hat noch am Tage der Jahrespressekonferenz sein Blättchen „Mitbestimmen!“ herausgegeben mit der schon zitierten Überschrift“ Derbe Gewinneinbrüche im Konzern.“ Das Blättchen liest sich wie eine Mitteilung des Unternehmens – bis hin zu den völlig überflüssigen Aussagen, der Konzernvorstand verzichte für 2025 auf 11 Prozent seiner Vergütung und die Dividende für die Aktionäre sinke auf 5,26 Euro pro Aktie. Wenn sie wenigstens dazu geschrieben hätten, dass Blume etwa 7 Millionen Euro Vergütung bekommt und dass die Familie Porsche und Piëch etwas mehr als 50 Prozent der Stimmrechtsaktien halten und ihnen daraus eine Dividendenzahlung von etwa eine Milliarde Euro überwiesen werden wird. Glaubt die Betriebsratsspitze wirklich, jemanden von den Arbeiterinnen und Arbeitern damit beeindrucken zu können? Oder dient es dazu, eben diese Arbeiterinnen und Arbeiter auf die nächste Sparrunde vorzubereiten? Aber das ist nicht Aufgabe des Betriebsrates. Seine Aufgabe wäre es vielmehr, im genannten Sinne für Transparenz zu sorgen und einfache betriebs- und volkswirtschaftliche Zusammenhänge sichtbar zu machen. Mit der Argumentation der Betriebsratsspitze geht sie einen Irrweg, gibt sie dem Management alle Argumente in die Hand, um noch mehr Jobs zu vernichten, um die Löhne weiter zu senken und die Arbeitszeit auszuweiten. Und ich frage mich, wer diese Betriebsratsspitze eigentlich berät – oder ob sie einfach nur vom Management abschreibt. Die Maßstäbe sind völlig versch(r)oben. Und der Betriebsrat hat Berater*innen, die das überhaupt nicht blicken. Dazu passt auch die unfassbare Position von Daniela Cavallo pro Rüstungsproduktion und ihre Aussage im Gespräch mit der HAZ vom 4. März 2026 zum nächsten drastischen Sparprogramm: „Klar ist auch, dass diese Effizienzprogramme nötig sind. Da gibt es keinen Dissens zwischen Arbeitnehmerseite und Vorstand.“ In schlechter paternalistischen Art promoteen Hubertus Heil und der Betriebsrat die Vorsitzende: „Daniela kämpft für Dich.“
Bei der IG Metall gibt es immer noch ein paar Kolleginnen und Kollegen in den Geschäftsstellen, in den Bezirken, in der Vorstandsverwaltung und in den Bildungsstätten, die Bilanzen lesen und interpretieren können. Ich denke, diese Kolleginnen und Kollegen raufen sich auch die Haare, wenn sie das Blättchen des Betriebsrates sehen und lesen. Und sehr zu hoffen ist, dass die IG Metall die Betriebsratsspitze bei Volkswagen jetzt nach der Betriebsratswahl wieder einfängt und auf gute gewerkschaftliche Positionen zurückholt. Wie mir ein Kollege schrieb: Vielleicht stehen die richtigen Argumente ja auf der Rückseite vom Flyer des Betriebsrates. Ich habe auch nachgeschaut – aber da war nix, nur Leere.
1Die Dividenden für das Land Niedersachsen in Höhe von ca. 200 Millionen Euro gehen entsprechend dem VW-Gesetz an die Volkswagen-Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur.

