Volkswagen: Vom Weihnachtswunder zum Bonus-Wunder

Süßer die Kassen nie klingen – für die Aktionäre

Eine nüchterne Ad-hoc-Mitteilung des Volkswagen-Konzerns für die Finanzmärkte: „Auf Basis vorläufiger Zahlen hat die Volkswagen AG im Geschäftsjahr 2025 im Konzernbereich Automobile einen Netto-Cashflow in Höhe von rund 6 Milliarden Euro erzielt (2024: 5,0 Milliarden Euro). Die Nettoliquidität im Konzernbereich Automobile stieg in der Folge zum Bilanzstichtag 31. Dezember 2025 auf mehr als 34 Milliarden Euro (30. September 2025: 31,0 Milliarden Euro). Damit liegen beide vorläufigen Kennzahlen wesentlich oberhalb der von der Volkswagen AG für das Geschäftsjahr 2025 erwarteten Werte von rund 0 Milliarden Euro für den Netto- Cashflow.1

Nach unten treten – fette Dividenden für den Porsche-Piëch-Clan

Vor einem Jahr sah das ganz anders aus. Die Rede war von 30.000 überflüssigen Arbeitsplätzen und drei Werken, die geschlossen werden sollten. Es wurden in einem Tarifvertrag für die Arbeiterinnen und Arbeiter schmerzhafte Einschnitte beim Lohn und kollektive Arbeitszeitverlängerung beschlossen – das „Weihnachtswunder“ von Wolfsburg, so hieß es damals romantisch verklärt. Im Verlauf des Jahres 2025 wurden dann tausende Leiharbeiter*innen vor die Tür gesetzt, die Stammbelegschaft um gut 8.000 Arbeiterinnen und Arbeiter reduziert – und gleichzeitig gut 80 Extraschichten an Wochenenden gefahren. Nun also das „Bonuswunder“ mit einem Geldzufluss von sechs Milliarden Euro. Natürlich haben Lohnverzicht und Verlängerung der Arbeitszeit wesentlich dazu beigetragen. Aber, so ist zumindest anzunehmen, es wurden auch in kreativer Buchführung Ausgaben aus 2025 nach 2026 verschoben, Investitionen gekürzt und Rückstellungen aufgelöst. Das Ergebnis ist jedenfalls, dass die Boni pro Vorstandsmitglied um bis zu 1,7 Millionen Euro steigen und auf diese wundersame und überraschende Weise die Aktionäre mit fetten Dividendenzahlungen rechnen können – vor allem der Porsche-Piëch-Clan, der mehr als 50 Prozent der Stammaktien hält. Die Zahl der Milliardäre in Deutschland hat sich in den letzten fünf Jahren auf mehr als 250 verdoppelt und die Zahl der Millionäre ist auf drei Millionen gestiegen.

„Wir möchten schon vom Unternehmen wissen, wie es zu diesem Zufluss gekommen ist“, sagt Flavio Benites, Geschäftsführer der Wolfsburger IG Metall. „Wir teilen die Kritik an der bisherigen Informationspolitik des Konzerns und wir verstehen das Unverständnis der Beschäftigten“, wird ein Sprecher des Betriebsrates im Spiegel und der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen zitiert2. Ein Kommentar in der HNA: „Es ist halt genau wie in der Politik, es wird grundsätzlich immer nur nach unten getreten.“ In vielen Bereichen von VW, so die Wolfsburger Presse vor ein paar Tagen, sei der Umgang „nicht mehr vom Geist der Mitbestimmung geprägt“. Das bekommen direkt vor der Betriebsratswahl auch die Vertrauensleute und Betriebsräte zu spüren. Gut ein Jahr nach dem Tabubruch, der Ankündigung von Werksschließungen und Massenentlassungen, nach der Tarifauseinandersetzung von 2024, an dessen Ende ein an Einschnitten reicher Tarifvertrag stand, „hätten sich Manager und Vorgesetzte deutlich von den Prinzipien einer kooperativen Konfliktbewältigung entfernt“, so die Wolfsburger IG Metall3. Ein weiteres Indiz ist eine Zunahme gerichtlicher Auseinandersetzungen zwischen Beschäftigten und Volkswagen. Viele der Prozesse im Zusammenhang mit dem Sparprogramm und der Arbeitsplatzverlagerung beschäftigen das Arbeitsgericht intensiv.

Und während die Industrieunternehmen kontinuierlich Arbeitsplätze in Billiglohnländer verlagern oder stilllegen – etwa 10.000 jeden Monat, hetzen sie und ihre Buddies in der Regierung gegen Kranke und fordern die Auflösung des 8-Stunden-Tages sowie eine Verlängerung der regelmäßigen Arbeitszeit.

Sozialpartnerschaft statt Klassenkampf?

Die Regierung, die Arbeitgeber und die Reichen führen aktiv den Klassenkampf gegen die Arbeiterinnen und Arbeiter, gegen Gewerkschaften und Betriebsräte, gegen die ärmeren Teile der Bevölkerung. Es mutet seltsam und unterkomplex an, wenn die IG Metall in dieser Situation behauptet, die Industrie in Deutschland werde zwischen US-Zöllen und subventionierten Importen aus China zerrieben4. Als hätten die Arbeitgeber die sogenannte Sozialpartnerschaft nicht längst aufgekündigt, schreibt die Gewerkschaft weiter, dass Politik, Arbeitgeber und Gewerkschaften jetzt zusammen eine Initiative starten müssten, die Beschäftigungssicherung, Wettbewerbsfähigkeit, Klimaschutz und Wohlstand verbindet. Welcher und wessen Wohlstand ist denn da gemeint? Obwohl die Arbeiterinnen und Arbeiter wie die Gewerkschaft jeden Tag das Gegenteil erleben, positioniert sich die IG Metall so: „Als IG Metall erwarten wir einen Stopp der Deindustrialisierung. Unser Ziel ist ein klares Bekenntnis gegen Verlagerungen, Standortschließungen und Kündigungen. Wir erwarten eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe.“ Seltsam hört sich diese Erklärung an, weil nichts zu hunderten Milliarden Euro für die Rüstungsproduktion, nichts zu immer noch sprudelnden Gewinnen und Dividenden und nichts zu dringend notwendigen betriebsübergreifenden Aktionen gesagt wurde.

Ähnlich die Entwicklung und die Debatte bei VW. Dort fordert die Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo eine europäischen Industriepolitik, um die „Rahmenbedingungen in der EU wettbewerbsfähiger“ zu machen – als gäbe es nicht schon viel zu viel und viel zu scharfe Konkurrenz5. Gleichzeitig erpresst das Unternehmen Arbeiter*innen, Betriebsrat und Gewerkschaft und fordert weitere Kostensenkung, bevor geplante Investitionen tatsächlich getätigt werden. Daniela Cavallo konstatiert das Ende des neoliberalen Freihandels, macht sich gleichermaßen für protektionistische Maßnahmen und weitere Subventionen für die Autoindustrie in Deutschland stark. Sie unterstützt den Sparkurs bei Volkswagen, ohne die fetten Rücklagen und die Gewinne zu erwähnen. Im Interview verteidigt sie das „Weihnachtswunder“, den Tarifabschluss von 2024. Ohne „schmerzhafte Kompromisse“ hätte es keine Einigung gegeben. Tatsächlich geht es doch darum, gute Arbeitsbedingungen und faire Handelsbedingungen weltweit durchzusetzen.

Gesundbeten geht nicht und die Hoffnung auf erneuerte Sozialpartnerschaft ist fehl am Platz. Ohne Beteiligung der Arbeiterinnen und Arbeiter, ohne Verkehrswende und eine ganz andere Industriepolitik, ohne kollektive Arbeitszeitverkürzung statt Entlassungen und millionenfacher Erwerbslosigkeit gibt es keine gute Zukunft für die Arbeiterinnen und Arbeiter hier und nirgendwo.

1https://www.volkswagen-group.com/de/ad-hoc/vorlaeufige-eckdaten-fuer-netto-cashflow-und-nettoliquiditaet-im-konzernbereich-automobile-fuer-das-geschaeftsjahr-2025-20101

2https://www.hna.de/kassel/wirtschaft-kassel-volkswagen-baunatal-bonus-manager-betriebsrat-94162257.html

3https://www.braunschweiger-zeitung.de/niedersachsen/wolfsburg/article411124313/bei-vw-nimmt-auch-der-geist-der-mitbestimmung-schaden.html

4https://www.igmetall.de/download/20260126_Initiative_fuer_Arbeit_und_Aufschwung.pdf

5https://www.braunschweiger-zeitung.de/wirtschaft/article411127401/vw-betriebsratschefin-cavallo-eu-muss-eigene-industrie-staerker-schuetzen.html

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